22.07.2025
Das Trio bleibt unvergessen
In einer Liga, die den Ball immer noch gern nach innen gab, um große Spieler Richtung Ring powern zu sehen, rannten die Golden State Warriors Gegner zwei Jahre lang in Grund und Boden. Das Trio Tim Hardaway, Mitch Richmond, Chris Mullin spielte so schnell, dank Coach Don Nelson so unorthodox, das kaum einer folgen konnte. Run TMC war die größte Show der Liga - und legte zudem das Fundament für Dirk Nowitzkis wohl zweitbittersten Playoff-Moment.

Dass es gerade jetzt am schönsten ist, offenbart sich häufig erst später. Als Jam Master J die Plattenspieler in Rotation versetzte, Run und DMC die Oracle Arena anwies, doch biete die Hände in die Lüfte zu schmeißen, schien alles am Anfang zu stehen. Im zweiten Jahr ihrer gemeinsamen Reise hatten die Warriors gerade die Spurs überrascht und gingen nach zwei Spielen in Los Angeles ausgeglichen in Spiel 3 der zweiten Runde der 1991er Playoffs gegen die Lakers. Die nächste Überraschung auf einem stetig steilen Weg nach ganz oben? Der Anfang vom Ende.
Begonnen hatte alles sechs Jahre zuvor. Mit dem siebten Pick drafteten die Warriors 1985 Chris Mullin, eine New Yorker Playground-Legende, einen All-American, der den Übergang von der St. John’s University in Queens und den Freiplätzen der Flatbush Avenue auf das Parkett der NBA nicht mühelos, aber souverän hinbekam.
Drei Jahre später wechselte Don Nelson zu den Warriors, die damit auf einen Schlag einen neuen Vice President of Basketball Operations, einen neuen Coach, vor allem einen neuen Stil hatten. Wie kaum ein anderer in der Geschichte der NBA steht "Nelly" für einen Hang zum schnellen, überfallartigen Basketball, der sich für Konventionen in etwa so begeistern kann wie Steph Curry für Menschen, die ihm erzählen, dass dieser oder jener Wurf jetzt aber wirklich zu kompliziert sei.
Nelson installierte ein neues System mit Mullin, einem werfenden, scorenden Wing im Zentrum. Dazu kam ein Rookie. Nach nur 20 Siegen durften die Warriors 1988 an fünfter Stelle picken. Sie entschieden sich für Mitch Richmond und trafen damit für den Moment die optimale Wahl. Nelsons schnelles Spiel bettete den dynamischen Guard in die optimale Umgebung. Richmond konnte sich ausleben, legte in seiner ersten Saison durchschnittlich 22 Punkte auf und gewann am Ende den Rookie of the Year Award. Schritt zwei. Nummer drei folgte im Sommer.
Zwei dynamische Scorer hatte Nelson nun. Was noch fehlte, war ein Point Guard. Am besten ein explosiver, der Defenses permanent unter Druck setzen und in Bruchteilen von Sekunden auseinander nehmen konnte. Umso besser, dass Tim Hardaway noch verfügbar war, als die Warriors an 14. Stelle draften durften. Nelson hatte sein finales Puzzlestück.
Zur folgenden Saison spielten die Warriors endgültig maximal unkonventionell. Hardaway und sein "Killer Crossover"´ bildeten so etwas wie die Speerspitze. Drum herum rannten sich Richmond und Mullin in Position, um permanent zu werfen, zu scoren, Schaden anzurichten. Häufig spielten die Warriors mit drei Guards, stellten Richmond und Hardaway Sarunas Marciulionis an die Seite, während der 2,01 Meter große Mullin de facto den damals ligaweit noch sehr präsenten Power Forward gab.
"Leute konnten uns nicht stoppen", sagt Hardaway gegenüber NBA.com. "Sie konnten uns nicht scouten. Sie wussten nicht, was wir taten, weil wir selbst nicht wussten, was wir taten. Wenn sie sich an das Playbook wandten, fragten wir: 'Was sucht ihr da?' Weil wir durchaus ein Playbook hatten, es in dieser Nacht aber vielleicht nicht nutzten. Wir rennen euch einfach in Grund und Boden."

Ein wenig Anlauf benötigte das Team dennoch. Zwar legten Tim, Mitch und Chris pro Spiel im ersten gemeinsamen Jahr kombiniert 61,9 Punkte auf und führten die Warriors zu einem Schnitt von 116,3 Punkten (Rang 1), am Ende verlor Golden State jedoch mehr Spiele, als es gewann und verpasste die Playoffs. Gleichzeitig war Nelsons Idee auch größer als das Ergebnis.
Durch ihr schnelles, unorthodoxes Spiel wurden die Warriors zu einer der größten Attraktionen der Liga. Der Ball schnellte nur so übers Parkett. Center tauchten auf einmal am Perimeter auf, während Guards in Richtung Zone cutteten. Initiiert wurde alles von einem Point Forward - Mullin servierte beispielsweise 4,1 Assists.
"Rund um die Liga hieß es: 'Was macht ihr da? Worum geht es?'", erinnert sich Hardaway bei NBA.com. "Sie wussten nicht einmal, wie sie gegen uns spielen sollten. Sie wussten nicht, wie sie das alles besprechen sollten. Sie wussten nicht, wie sie für uns planen sollten. Für andere Teams war es verrückt." Und es wurde noch verrückter.
Im zweiten Jahr des Trios verloren gegnerische Teams augenscheinlich völlig die Orientierung. Plötzlich spielten die Warriors nicht nur spektakulär. Sie gewannen auch. 44 Siege sammelte Golden State, so viele wie seit neun Jahren nicht. Das genügte für Rang sieben im Westen und die Playoffs. Mullin, Hardaway und Richmond schraubten ihre gemeinsame Ausbeute auf 72,5 Punkte, den zweithöchsten Schnitt eines 20+-Punkte-Trios.
"Big Three" als Spitzname genügte längst nicht mehr. Zu simpel für so viel Kreativität. Also rief der San Francisco Examiner einen Contest aus. Fans konnten Vorschläge schicken - was wie immer in solchen Fällen in unterschiedliche Richtungen driftete. "Ultimate Warriors". "Three-mendous". "Sie waren so schlecht", grinst Richmond in die ESPN-Kamera. "The Dunkin’ Go-Nuts"? "Nooo", sagte Hardaway. Dann… "Run TMC"! "Das musste es sein", sagte Richmond. Das war es. Ein Trio, mehr als eine Verbindung dreier Basketballspieler, hatte nun seinen Namen für die Ewigkeit. Womöglich wären die Drei noch unsterblicher geworden - sofern das möglich ist -, hätten sie 1991 nicht nur die Spurs in Runde eins böse überrascht, sondern nach Spiel 2 gegen die Lakers nicht ihre Namenskollegen aus Hollywood eingeladen.
"Wir brachten Run DMC mit, um unser Team vorzustellen", erinnert sich Hardaway bei ESPN an Spiel 3, "und ich rate keinem Team, das zu tun." Nach ihrem Sieg in Spiel 2 der Serie hätten sich die Warriors gefreut, nach Hause zu kommen, verrät Hardaway NBA.com, "aber ich glaube, wir blamierten sie, als Run DMC uns vorstellte… das war nicht richtig."
Jemand anderen bloßzustellen, empfiehlt sich grundsätzlich selten. In diesem Fall hatte es zudem unangenehme Konsequenzen. Knapp klauten sich die Lakers den Heimvorteil zurück, gewannen auch die nächsten Spiele, um danach in die Finals einzuziehen. Aber die Warriors würden neue Chancen bekommen. Sie standen ja gerade erst am Anfang, richtig? Falsch!
Nach der Lakers-Serie dichteten Golden State nicht wenige ein Größenproblem an. Zu klein sei das Team. Dem wollte Nelson, mittlerweile auch General Manager, gegensteuern und riss das Trio auseinander. 20 Minuten, bevor es mit dem Bus zum Saisonauftakt der 1991/92er-Saison gehen sollte, rief er Richmond in sein Hotelzimmer. "Ich weiß, dass du mich getradet hast", zitiert der Guard sich selbst, "aber solange du mich nicht zu den Sacramento Kings tradest, ist alles gut." Nelson tradete ihn zu den Kings. "Da bin ich einfach rausgegangen. Wirklich verarbeitet habe ich es nie."
Nelson, der seinem Star die schlechte Nachricht damals schon nur mit gesenktem Kopf überbringen konnte, bezeichnet den Deal später als "schlechtesten Trade, den ich je gemacht habe. Mitch war ein Star. Das ist die eine Sache, die ich in meiner Karriere bedaure." Richmond setzte seinen Aufstieg auch bei den im Neuaufbau befindlichen Kings fort. Umgekehrt litten auch die Warriors zunächst nicht.
Billy Owens, der im Trade gekommen war, brachte tatsächlich etwas Größe, Golden State gewann 53 Spiele, wurde Dritter im Westen, um von einem anderen junge, unorthodoxen Team selbst überrascht zu werden. Die Sonics gewannen das Matchup, und die Warriors steuerten Richtung Bedeutungslosigkeit. Über die nächsten 14 Jahre erreichten sie die Postseason ein einziges Mal, dann brachte ausgerechnet eine Dreiviertel-Wiedervereinigung der Run-TMC-Ära die nächste Bay-Area-Legende hervor.

2006, Mullin, mittlerweile General Manager der Warriors, hatte zunächst Richmond als Special Assistant ins Front Office geholt, um danach einen alten Bekannten als Head Coach zu verpflichten. Nelson kehrte zurück und bastelte den nächsten komplizierten Underdog. In Runde eins der Playoffs 2007 traf Golden State auf die Dallas Mavericks, das beste Team der Saison, mit dem besten Spieler der Saison. Nur hatte Nelly eine klare Idee, wie er Dirk Nowitzki und den Mavs maximalen Schaden zufügen konnte. Am Ende schickten die "We Believe"-Warriors Dirk und Dallas in sechs Spielen nach Hause. Auch wegen Nelson, der 2007 wie zu Beginn der 90er seinen eigenen Ansatz verfolgte und seiner Zeit damit voraus war.
"Sie waren ein Albtraum zum Verteidigen", blickt Warriors-Coach Steve Kerr auf Run TMC zurück. "Sie pushten das Tempo unaufhörlich. Wahrscheinlich waren sie ihrer Zeit etwas voraus mit ihrem Small Ball. Tatsächlich war Nelly derjenige, der Small Ball in dieser Liga erfand, eigentlich sogar vor Run TMC, in Milwaukee. Daher waren die Warriors das perfekte Team für ihn."
Nelson war auch deshalb so erfolgreich, weil er Gelegenheiten erkannte und wahrnahm. Er sah sich sein Team an und kreierte seine Vision. Wie können wir spielen? Welche Vorteile können wir kreieren? Dafür taxierte er die Stärken seiner Spieler und schuf eine Umgebung, in der sie bestmöglich zur Geltung kamen. Die Norm spielte keine Rolle. Zudem vermittelte etwas sehr Zentrales: Spaß.
"Vielleicht gewannen wir keine Meisterschaft", blickt Mullin bei NBA.com zurück. "Aber wir hatten jede Menge Spaß und wir trieben viele in den Wahnsinn, weil wir einen verrückten Stil spielten… So viel Spaß hatte ich nirgendwo sonst auf dem Basketballplatz." Run TMC. Es hörte auf, als es am schönsten war - und lebt doch in der Erinnerung weiter.
Max Marbeiter