vor 1 Stunden
Jugend-Bundestrainer warnt
Alan Ibrahimagic hat zahlreiche deutsche Top-Talente auf ihrem Weg begleitet und führte die Nationalmannschaft 2025 als verantwortlicher Trainer zum EM-Titel. Im Podcast FROM COACH TO COACH spricht der 47-Jährige über ein Problem bei der Entwicklung von Unterschiedsspielern, den schwierigen Übergang in den Profibereich - und erklärt, was Dennis Schröder und Franz Wagner schon früh ausgezeichnet hat.

Alan Ibrahimagic kennt die deutsche Talentförderung aus unterschiedlichen Perspektiven. Seit vielen Jahren arbeitet er als Nachwuchs-Bundestrainer, 2025 führte er die deutsche U19-Auswahl zur Vizeweltmeisterschaft. Wenige Monate später übernahm er bei der Europameisterschaft nach dem krankheitsbedingten Ausfall von Bundestrainer Alex Mumbru die Verantwortung für die A-Nationalmannschaft - und gewann mit ihr den Titel.
Im Trainer-Podcast "FROM COACH TO COACH" spricht Ibrahimagic nun ausführlich über die Entwicklung deutscher Basketballtalente. Und über ein Problem, das trotz der großen Erfolge der vergangenen Jahre aus seiner Sicht weiterhin besteht.
Ausgangspunkt ist eine Aussage von Franz Wagner, die Ibrahimagic im Podcast aufgreift: Deutschland bilde vor allem Rollenspieler aus. "Es ist tatsächlich schwer, da bin ich auch ein bisschen ratlos, was jetzt unsere Möglichkeiten angeht", sagt Ibrahimagic. Man könne appellieren und über das Thema sprechen, die grundlegenden Mechanismen aber nur schwer selbst verändern.
Denn Ibrahimagic sieht einen Widerspruch zwischen der Arbeit im Nachwuchs und den Anforderungen, die anschließend im Profibasketball auf junge Spieler warten. Seine Aufgabe als Jugend-Nationaltrainer verstehe er darin, hochtalentierte Spieler zu finden und weiterzuentwickeln - und damit potenzielle Unterschiedsspieler der Zukunft hervorzubringen.
Im Profibereich werde von einem jungen Spieler häufig zunächst etwas anderes verlangt. "In einem Profi-Verein sind eigentlich die Spieler gefragt, die, auf gut Deutsch gesagt, die Klappe halten, in der Ecke stehen, vielleicht mal einen Wurf treffen und ansonsten verteidigen und das machen, was der Trainer verlangt", erklärt Ibrahimagic. Das sei zunächst nachvollziehbar. Die etablierten Führungsspieler seien älter, erfahrener und körperlich weiter. Ein 19-Jähriger könne nur in den seltensten Fällen direkt als Unterschiedsspieler auf höchstem Niveau auftreten.
Genau darin liegt für Ibrahimagic jedoch das Dilemma, wie er bei FROM COACH TO COACH verdeutlicht. Auch besonders talentierte Spieler benötigten Trainer, die bereit seien, ein Risiko einzugehen, ihnen zu vertrauen und ihnen weiterhin die Möglichkeit zu geben, ihre besonderen Fähigkeiten auszuspielen.
Dem gegenüber steht der Ergebnisdruck im Profisport. Ein Trainer müsse Spiele gewinnen und sehe es deshalb verständlicherweise nicht zwangsläufig als seine Hauptaufgabe an, einem jungen Spieler möglichst viel Raum zur Entfaltung zu geben. "Von daher: Das ist definitiv ein Problem", sagt Ibrahimagic - schränkt allerdings ein, dass andere Basketballnationen vor derselben Herausforderung stünden.
Wir benötigen Ihre Zustimmung, um den Instagram-Service zu laden!
Wir verwenden Instagram, um Inhalte einzubetten. Dieser Service kann Daten zu Ihren Aktivitäten sammeln. Bitte lesen Sie die Details durch und stimmen Sie der Nutzung des Service zu, um diese Inhalte anzuzeigen.
Einen Vorteil sieht der DBB-Trainer im amerikanischen College-System, das auch für deutsche Talente in den vergangenen Jahren eine wichtige Rolle gespielt hat. Dort treffen junge Spieler stärker auf Gleichaltrige und bekommen andere Möglichkeiten, Verantwortung zu übernehmen.
Hinzu komme ein kultureller Unterschied. "Die Amis sind auf jeden Fall deutlich besser darin, Individualität oder individuelle Qualität zu feiern", sagt Ibrahimagic im Trainer-Podcast. In Deutschland werde dagegen schneller darauf geachtet, dass ein Talent "auf dem Boden" bleibe.
Auch dabei gebe es allerdings keine einfache Lösung. Zwischen berechtigter Wertschätzung besonderer Fähigkeiten und einem übertriebenen Hype um junge Spieler verlaufe ein schmaler Grat. Für Ibrahimagic ist deshalb entscheidend, Individualität nicht nur zu fordern, sondern jungen Spielern auch die Möglichkeit zu geben, sie tatsächlich zu entwickeln. Dazu gehört, Fehler auszuhalten und Spielern nicht jede Entscheidung abzunehmen.
Wie wichtig es sein kann, die Persönlichkeit eines Talents nicht frühzeitig einzuengen, macht Ibrahimagic im Podcast auch an Dennis Schröder fest. Der heutige Kapitän der Nationalmannschaft habe schon früh viel Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein besessen und gleichzeitig enorm viel in sein eigenes Spiel investiert.
Schröder habe "nie klein beigegeben", sagt Ibrahimagic. "Er hat immer gekämpft und gefightet für seine Rolle, dafür, er zu sein - also der Spieler zu sein, der er auch ist. Ein bisschen rebellisch." Es gebe nicht viele Spieler, die diesen Weg konsequent durchhielten. Schröder habe dabei auch "viele Widerstände" in Deutschland überwinden müssen.
Heute sieht Ibrahimagic in Schröder nicht nur einen der sportlichen Führungsspieler, sondern auch einen wichtigen Faktor für die Kultur innerhalb der Nationalmannschaft. Der Kapitän nehme seine Rolle und die Bedeutung des Nationalteams sehr ernst. Immer wieder betone Schröder öffentlich, dass diese Generation auch für die kommenden Generationen spiele und Kinder in Deutschland für Basketball und Sport begeistern wolle. Für Ibrahimagic ist diese Haltung ein "kleiner, aber extrem wichtiger Baustein" des Erfolgs.

Franz Wagner wiederum kennt Ibrahimagic bereits seit dessen frühen Jugendjahren. Schon damals sei ihm eine Eigenschaft besonders aufgefallen. "Ich habe außerdem niemanden gesehen, der einfach so schnell in der Lage war, Sachen umzusetzen, die er gehört oder vorgemacht bekommen hat", sagt Ibrahimagic über Wagners Lernfähigkeit.
Mit zunehmendem Alter sei eine weitere Qualität hinzugekommen: Wagner habe stärker Fragen gestellt und sich mit den Inhalten auseinandergesetzt. Genau das wolle Ibrahimagic bei seinen Spielern fördern. Sie sollten nicht einfach umsetzen, was ihnen ein Trainer sage, sondern Vorgaben auch hinterfragen, selbst überlegen und nachfragen, wenn sie bei einer Situation ein anderes Gefühl hätten.
Darin zeigt sich ein Grundgedanke von Ibrahimagics Arbeit mit Talenten: Der Trainer soll entwickeln und Orientierung geben, den Spieler aber nicht zu einem reinen Ausführenden seiner Vorgaben machen.
| Wettbewerb | Platzierung |
|---|---|
| U20-EM | 8. |
| U18-EM | 5. |
| U16-EM | 5. |
Auch im Umgang mit seinen Mannschaften versucht Ibrahimagic deshalb, unterschiedliche Meinungen zuzulassen. Er hole Feedback ein und ermutige Spieler, ihre Sichtweise zu äußern. Trainer und Spieler müssten dabei keineswegs immer einer Meinung sein. Die letztendliche Verantwortung gibt Ibrahimagic deshalb nicht ab. "Wenn es hart auf hart kommt, werde ich ja trotzdem derjenige sein, der entscheidet", sagt er.
Entscheidend sei für ihn vielmehr, andere Ansichten anzuerkennen, anstatt als Trainer grundsätzlich die Haltung einzunehmen: "Ich bin der Trainer, du hast zu machen oder zu denken, am besten noch, wie ich mir das vorstelle." Gleichzeitig warnt Ibrahimagic vor dem anderen Extrem. Auch zu viel Kommunikation könne Erwartungen erzeugen, die ein Trainer anschließend gar nicht erfüllen könne.
Sein Selbstverständnis geht dabei über kurzfristige Ergebnisse hinaus. Ibrahimagic möchte als Trainer in Erinnerung bleiben, der Spielern und Talenten dabei geholfen hat, das Maximum aus ihren Fähigkeiten herauszuholen - ohne zu vergessen, dass hinter dem Basketballer auch ein Mensch steht. Medaillen und Erfolge seien schön. Persönlich wichtiger seien ihm jedoch Momente, in denen ehemalige Spieler Jahre später zurückkämen und sich für die gemeinsame Zeit bedankten.
Ein Widerspruch zum Leistungsgedanken ist das für den Europameister-Trainer nicht. Sobald der Ball hochgeworfen wird, gehe es für ihn ums Gewinnen. Gerade diese Verbindung prägt Ibrahimagics Verständnis von Coaching: maximale Leistungsorientierung auf der einen Seite - und auf der anderen die Bereitschaft, jungen Spielern genügend Raum zu geben, um irgendwann selbst zu Unterschiedsspielern zu werden.
Dominik Theis