18.02.2026
Pesic als ältester Trainer Europas
Als die Saison der Basketballer des FC Bayern zu entgleiten drohte, entschied man sich in München dazu, Deutschlands Weltmeistertrainer Gordon Herbert zu entlassen. Und in Svetislav Pesic einen echten Feuerwehrmann zu holen. Nach anderthalb Monaten ist klar: Die vermeintlich unkreative Lösung hat mal wieder funktioniert.

"Hallo, ich bin wieder da", sagte Pesic mit einem Grinsen auf den Lippen. Dabei war ein Tag vor dem Weihnachtsabend bei den Münchner Basketballern eigentlich ein neues Stimmungstief erreicht worden. In Monaco hatte sich die deutsche Vorzeigemannschaft nach allen Regeln der Kunst mit 26 Punkten Unterschied vorführen lassen. Es war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte und Ex-Bundestrainer Gordon Herbert den Job kostete.
Dem vorausgegangen waren Wochen der sportlichen Talfahrt. In einer beispiellosen Serie an Auswärtsspielen hatten die Münchner acht aufeinanderfolgende Partien verloren - darunter mehrere gegen Teams, die als vermeintliche Underdogs galten.
Dass Herbert wochenlang wegen Long-Covid-Symptomen fehlte, wirkte sich ebenso ungünstig aus, wie die Verpflichtung von NBA-Star Spencer Dinwiddie, den man noch zuvor als Königstransfer angepriesen hatte. Heimisch wurde der US-Amerikaner in der bayerischen Landeshauptstadt allerdings nie - sowohl metaphorisch als auch wortwörtlich. Wegen einiger familiärer Krankheiten reiste er um Weihnachten in die USA und kehrte anschließend nicht mehr zurück.
Dinwiddies Zeit in München stand symptomatisch für die Probleme der Bayern. Auf dem Feld fehlte dem 621-maligen NBA-Spieler - ebenso wie dem Rest - die Orientierung. Dabei war genau das noch in den Jahren zuvor das Markenzeichen der Herbert-Mannschaften.
Beim Gewinn des Weltmeistertitels zusammen mit der deutschen Nationalmannschaft wurde die klare Rollenverteilung immer wieder als Grundlage des Erfolgs angepriesen. Jeder Spieler, ob erste oder zweite Garde, wusste genau, welche Aufgabe er zu erfüllen hatte - selbst in Momenten abseits des Feldes.
In seiner ersten Saison in München funktionierte das über weite Strecken auch wunderbar. Der große Umbruch im vergangenen Sommer brachte allerdings ein Ungleichgewicht, das Herbert nicht zu lösen vermochte. Zu starr hielt er in Teilen an seinem System fest. Die großen Rotationen und die fehlende Vorbereitung wegen den vielen deutschen EM-Fahrern erschwerten, dass die Mannschaft Rhythmus und Identität finden konnte.
Am 19. Dezember zogen die Münchner Verantwortlichen die Reißleine. Die Euroleague-Ambitionen seien in akuter Gefahr, so die Begründung. Nach der Niederlage im Fürstentum rangierten die Bayern mit einer Bilanz von fünf Siegen zu zwölf Niederlagen auf dem vorletzten Platz in der Königsklasse. Das anvisierte Ziel der Play-offs war da bereits in weite Ferne gerückt.
Richtete man den Blick zu jener Zeit jedoch allein auf die heimischen Ergebnisse in Liga und Pokal, dürfte die Entscheidung durchaus für Verwunderung gesorgt haben. Mit neun Siegen aus den ersten zehn Bundesliga-Spielen und einer überragenden Differenz von +118 Punkten waren die Münchner der Konkurrenz bereits weit enteilt. Auch im Pokal verbuchte der amtierende Deutsche Meister einen ungefährdeten Einzug ins Top Four.
Herberts Entlassung machte Basketball-Deutschland einmal mehr klar, wie weit der Verein vom heimischen Markt entrückt ist. Nicht in Deutschland liegt der Fokus des Vereins, es ist die internationale Bühne, die zählt. Das war das klare Signal.
In Svetislav Pesic holten die Bayern einen zurück, der Erfahrung im Feuerlöschen besitzt. Schon mehrfach in seiner Karriere war der Serbe angeheuert worden, um einer Ergebniskrise entgegenzuwirken. Nicht anders war es auch in seiner ersten Amtszeit bei den Bayern gewesen. In der Saison 2012/13 - es war erst die zweite Spielzeit nach dem Aufstieg in die BBL - übernahm der Trainerfuchs bei einer Bilanz von 5-5 das Ruder und führte den Klub letztlich bis ins Halbfinale der Play-offs, wo man sich erst im letzten Spiel Serienmeister Bamberg geschlagen geben musste.
Ende Dezember kehrte Pesic, inzwischen 76 Jahre alt, an die Spitze der Bayern-Mannschaft zurück - als ältester Trainer Europas. Von seinem Feuer vergangener Tage hatte er aber augenscheinlich kaum etwas eingebüßt. Es dauerte keine zwei Minuten bei seinem Debüt, ehe er sich das erste technische Foul abholte.
Erbost über eine Entscheidung der Unparteiischen war er auf das Spielfeld geschritten und hatte seinem Unmut lauthals Ausdruck verliehen. Freilich war dieser Moment in allererster Linie symbolischer Natur, um seine zuweilen etwas lethargisch wirkenden Schützlinge aufzuwecken.
Das Heimspiel am Tag vor Weihnachten ging zwar als neunte Niederlage am Stück in die Bücher ein, gleichzeitig stellte es aber auch einen Wendepunkt in der Münchner Saison dar. Pesic küsste die alte Liebe wach - allen voran dank einer neuen defensiven Stabilität.
Es dauerte keine sechs Wochen, ehe die Trainerlegende eine schier aussichtslose Euroleague-Situation in lebendige Play-off-Hoffnungen verwandelte. Sieben der folgenden zehn Spiele auf internationalem Level gewannen die Münchner bis dato. In der Bundesliga war man ohnehin aller Zweifel erhaben.
"Wir haben jetzt mehr Klarheit und Struktur", erklärte Topscorer Andreas Obst den sportlichen Turnaround kürzlich. "Wir versuchen, die Sachen ein bisschen kürzer zu halten und haben Dinge, die wir davor hatten, rausgenommen."
Geholfen habe dabei auch Pesics Art und Weise. "Der Alte" entstammt der klassischen alten Schule, weiß also auch die härtere Gangart zu beherrschen. Seine Ideen "verlangt er natürlich auch auf seine Art und Weise ab", schmunzelte Obst. "Aber ich denke, das tut uns ganz gut."

Der Edelschütze selbst stand in der Winterwende des Meisters auch ganz persönlich im Fokus. Pesic machte Obst von Beginn an zum offensiven Dreh- und Angelpunkt. Bereits im zweiten Euroleague-Spiel nach dem Trainerwechsel dankte es der deutsche Nationalspieler ihm mit einer historischen Leistung. 37 Punkte erzielte Obst beim knappen Sieg gegen Baskonia Vitoria-Gasteiz und damit die meisten jemals eines Deutschen in der Geschichte der europäischen Königsklasse.
Die rund zwölf Zähler pro Partie unter Herbert steigerte der Guard auf nun 22 unter Pesic und steht damit sinnbildlich für den sportlichen Aufschwung der Münchner. Kein Wunder, dass Pesic angesichts Obsts auslaufenden Vertrages kürzlich in der Bild bekräftigte: "Obst muss bleiben."
Doch ungeachtet des jüngsten emotionalen Hochs geht es für Pesic, Obst und die Bayern auf internationalem Level weiter ums nackte Überleben. Das Minimalziel, das Erreichen der Play-In-Spiele, ist zehn Spieltage vor Ende der regulären Saison lediglich realistischer, wenngleich nicht realistisch geworden. Vier Siege Rückstand verbucht der FCBB nach wie vor auf den zehnten Rang.
Ungeachtet des Saisonausgangs hat "Sveti" aber bereits jetzt vollbracht, dass im Münchner Basketball wieder Zuversicht und Stabilität eingekehrt ist - eine Entwicklung, die vor anderthalb Monaten noch als kaum vorstellbar galt.
Julius Ostendorf