vor 8 Stunden
Center wichtig wie noch nie
Karl-Anthony Towns galt über eine volle Dekade als extrem talentierter Spieler. Als Superstar allerdings wollte ihn aus verschiedenen Gründen kaum jemand akzeptieren. Zum perfekten Zeitpunkt hat der 30-Jährige nun jedoch endlich alle Teile zusammengefügt - und ist damit vielleicht der Hauptgrund dafür, dass seine Knicks bloß noch zwei Siege vom NBA-Titel trennen.

Sound-Schnipsel von verkabelten Spielern im Lauf von NBA-Spielen sind eher selten wirklich aufschlussreich. In der Regel hört man - auch, weil die Regie nicht alles abspielen darf, was aufgenommen wurde - jede Menge „Let’s Go!"s, Klischees und Aufmunterungen, wenig Inhalt jedoch, der über das Erwartbare in solchen Momenten hinausgeht.
Es gibt aber auch Ausnahmen. Wie in Spiel 1 der NBA Finals, in dem Karl-Anthony Towns für ABC ein Mikrofon trug - und die Welt daran teilhaben ließ, wie er während einer Auszeit eine fast schon prophetische Ansage machte.
"Bis unsere Offense aufholt, müssen wir genau so verteidigen. Wir treffen gerade 34 Prozent! Wir müssen so weiter verteidigen", ermahnte Towns sein Team. "Das wird uns das Spiel gewinnen. Unsere Offense wird aufholen, das tut sie immer! Erinnert euch an Spiel 1 gegen Cleveland. Wir werden zurechtkommen!"
Towns sollte Recht behalten, natürlich. Die Offense holte auf. Die Knicks gewannen Spiel 1 nach einem weiteren Comeback. Spiel 2 dann direkt hinterher, das insgesamt 13. in Folge. Die Knicks sind längst ein historisches Playoff-Team, jetzt auf einmal nur noch zwei Siege von der ultimativen Krönung entfernt, die noch vor wenigen Monaten eigentlich unerreichbar schien.
Genauer gesagt noch vor sechs Wochen - länger ist es ja nicht her, dass New York nach zwei 1-Punkt-Pleiten in Serie mit 1-2 gegen die mächtigen Atlanta Hawks zurücklag. Seither hat sich viel verändert; und Towns selbst hat vielleicht den größten Anteil an dieser Transformation. Er befindet sich inmitten eines Runs, der seine Reputation in der NBA nicht weniger verändern dürfte als der, den Dirk Nowitzki im Jahr 2011 hingelegt hat. Nein, wirklich.
Noch nie in seiner Karriere wurde angezweifelt, dass Towns ein herausragend begabter Basketballspieler war beziehungsweise ist. Er wäre sonst kein Nr.-1-Pick gewesen, hätte keinen Maximal- und dann auch noch einen Supermax-Vertrag erhalten. Seine Skills, insbesondere in der Offensive, waren offenkundig. Sein Wurf so gut, dass ihm sogar der Titel des "besten Shooting-Bigs aller Zeiten" nicht permanent um die Ohren flog, obwohl er vermutlich etwas zu früh damit angefangen hatte, sich selbst so zu bezeichnen. Er hatte einen Case.
Er hatte aber auch immer die anderen Themen: schlechte, inkonstante Defense, (vermeidbare) Fouls zu ungünstigen Zeitpunkten, fehlendes Gespür für die Situation, hanebüchene Turnover. Für jede Stimme, die Towns' All-Star-Talent anerkannte, gab es in der Regel mindestens eine, die ihm das Potenzial absprach, jemals eine zentrale Figur eines titelwürdigen Teams zu sein.
Es lag auch daran, dass die Timberwolves ihn vor zwei Jahren tradeten, obwohl sie mit ihm gerade die vielleicht beste Saison ihrer Franchise-Geschichte hingelegt hatten. Es lag auch daran, dass selbst während dieser Spielzeit noch darüber spekuliert wurde, ob New York ihn im Sommer erneut traden könnte, um einen gewissen Griechen aus Milwaukee zu bekommen.
Dieser könnte ja schließlich ein probates Gegenmittel sein, sollte man in den Playoffs jemals auf Victor Wembanyama treffen, den neuen womöglich besten Spieler der Welt, richtig? Nun, nach zwei Spielen der Finals wirkt es eher so, als wäre Towns höchstpersönlich - in Verbindung mit seinem brandheißen Team - das echte Wemby-Kryptonit. Wer hätte das kommen sehen?

Vielleicht war die Vorstellung, dass KAT für die Spurs ein Problem sein könnte, gar nicht so abwegig. Er ist in vielerlei Hinsicht ein ganz anderer Spieler als etwa Chet Holmgren in der Serie zuvor. Sein Wurf ist nicht nur "gut für einen Big", sondern wirklich elitär (48% von draußen in den Playoffs!), dazu hat er einen schnellen Release, weshalb es sich verbietet, von ihm abzusinken und dann darauf zu vertrauen, rechtzeitig zum Contest wieder da zu sein.
Es ist aber nicht nur der Wurf; es ist auch der Drive. Gerade in Spiel 1 stand Wemby zunächst mehrfach zu nah dran, und das nutzte Towns gegen ihn, zog vorbei, brachte den massigeren Körper zwischen Verteidiger und Korb und verdiente sich so einige der Rim-Attempts, die Holmgren über die gesamte Serie nahezu nie gegen Wemby generieren konnte.
Die Spurs reagierten darauf unter anderem mit der Maßnahme, Wemby öfter gegen Josh Hart zu stellen, um ihn mehr als Helper spielen zu lassen. Darauf reagierte wiederum Towns schon mehrfach mit Post-Ups, wohlwissend, dass kein Spur außer Wemby körperlich ein Match für ihn ist. Noch besser: Aus diesen Aktionen muss er nicht zwingend scoren, um effektiv zu sein. Kommt das Double-Team, findet Towns beständig Cutter oder Schützen an der Dreierlinie.
Er glänzt immer wieder als Playmaker, schon die gesamten Playoffs über. Sein Punkteschnitt ist sogar niedriger als sonst („nur“ 17,3 Punkte, bei 57% aus dem Feld allerdings), dafür hat er seinen Karriere-Assist-Schnitt fast verdoppelt (5,6) und seinem Team auch als Passer, sowohl aus dem Post als auch vom Perimeter, eine neue Dimension verliehen.
Tatsächlich konnte Towns immer schon passen, und auch seine Skills als Scorer sind nicht neu - der Mann hat zwei 60-Punkte-Spiele in seiner Karriere aufgelegt. Was neu ist, ist die Tatsache, dass er immer wieder im richtigen Moment die richtige Entscheidung trifft, das richtige Gespür demonstriert, selbst wenn sich die Rolle dabei immer mal wieder leicht verändert.
Das eint ihn mit seinem Team, das nicht zuletzt wegen Towns' Vielseitigkeit in Windeseile Antworten auf jede defensive Coverage zu entwickeln scheint. Es ist eine der größten Stärken, die New York im Zuge seines magischen Playoff-Runs mitbringt. Es wirkt fast unmöglich, diese diversifizierte Offense über lange Strecken eines Spiels wirklich abzumelden.
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Es ist zudem kein One-Way-Basketball - im Gegenteil. Die Knicks haben sich zu einem elitären Defensiv-Team gemausert. Und Towns steht auch hier mitten im Zentrum, ist die gesamten Playoffs über schon stark und nun so etwas wie die Speerspitze gegen Wemby.
Natürlich meldet er den Franzosen nicht im Alleingang ab - aber er lässt ihn arbeiten, absorbiert immer wieder den ersten Kontakt, steht gegen den Spin-Move stets richtig, ermöglicht keine direkten Driving Lanes und erlaubt es den Teamkollegen, ihre schnellen Hände einzubringen. Er vermeidet weitestgehend Fouls (dass er in der zweiten Hälfte von Spiel 2 in Foul-Trouble geriet, lag mehr an den Refs als an ihm), kommuniziert gut und erlaubt es Edelverteidiger OG Anunoby, mehr Zeit gegen die gefährlichen Guards und als Helper verbringen zu können.
Nicht zuletzt arbeitet Towns exzellent am Brett, was keine Neuigkeit ist (über die letzten beiden Jahre jeweils Zweiter bei den Rebounds pro Spiel), was Wemby aber doch eine weitere Aufgabe bereitet, Kraft zieht. Unterm Strich war er bisher der beste Big, der beste Spieler auf dem Court. Ein heißer Finals-MVP-Kandidat, wenn die Knicks den Titel nach Hause bringen sollten, was bei aller Euphorie und exzellenter Ausgangslage natürlich noch keine ausgemachte Sache ist.
Er hätte so oder so auch einen guten Case dafür, der Playoff-MVP der Knicks zu sein (sein On/Off-Split beträgt +14,6 - bei einem historisch dominanten Team!), selbst wenn Jalen Brunson diesen Award in den Conference Finals bekommen hat. Towns war und ist bisher so gut, dass sich mindestens eine Diskussion darüber führen ließe. Wenn man denn wollte.
Wobei die Frage womöglich interessanter ist, woher diese plötzliche Entwicklung kommt. Ein Teil der Wahrheit ist, dass Towns über die vergangenen Jahre bereits Fortschritte in vielen Bereichen gemacht hat, gerade defensiv. Er war 23/24 etwa effektiv als primärer Verteidiger von Kevin Durant und auch von Nikola Jokic, als seine Wolves deren Teams besiegten.
Er hat auch in New York vergangene Saison durchaus Stand gehalten, als die Knicks überraschenderweise Boston schlugen. Ein elitärer Verteidiger war er trotzdem nie - jedoch ist es schon länger nicht mehr richtig, dass es mit ihm in zentraler Rolle für seine Teams nichts zu holen gibt. Es ist immerhin bereits das dritte Jahr in Folge, in dem Towns die Conference Finals erreicht hat.
Es ist gleichzeitig trotzdem ein echter Schritt nach vorn, den Towns gemacht hat - nicht nur defensiv, nicht nur als Decision-Maker, sondern als Spieler. Einer, für den es verschiedene Erklärungen gibt. KAT selbst sagte nach Spiel 1, die Präsenz seiner 2020 an COVID-19 verstorbenen Mutter habe ihm geholfen.
"Ich weiß nicht, was es war, aber ich habe eine Ruhe und einen Frieden gespürt, die von der Frau da oben gekommen sein müssen", sagte Towns. "Ich habe mich heute sehr zuversichtlich gefühlt. Einfach richtig gut, wie ein Kind. Es hat einfach richtig Spaß gemacht. Das war verrückt, weil du erwartest, dass in Spiel 1 der Finals der Druck am höchsten sein wird."
Sein Coach lieferte nach Spiel 2 seinen Erklärungsansatz. "Wir haben endlich einen Punkt erreicht, an dem er sich wohlfühlte, an dem ich mich wohlfühlte, an dem Jalen sich wohlfühlte, an dem OG sich wohlfühlte, an dem Mikal sich wohlfühlte", sagte Mike Brown, der zu Beginn der Saison noch gerade mit Towns seine Differenzen hatte, nach der perfekten Rolle für ihn, der perfekten Alchemie für das Team suchend.
"Für mich ist die Regular Season genau dafür da. Die Regular Season ist dafür da, dass du deinen Weg finden kannst, um dich auf diese Zeit des Jahres vorzubereiten", fuhr Brown weiter aus. "Damit wir, wenn wir an diesen Punkt kommen, alles schon während der Saison gesehen und überstanden haben. Wir wissen dann, wie wir damit umgehen müssen."
Kurz: Es gab Differenzen, sie wurden ausgeräumt. Bis Balance erreicht wurde. So sieht es tatsächlich beim gesamtem Knicks-Team aus, das zur perfekten Zeit einen Weg gefunden hat, um mehr als die Summe seiner Einzelteile zu werden. Das wie ein Jazz-Quintett die perfekte Harmonie gefunden hat und die einzelnen Instrumente transzendiert.
Towns verkörpert das mehr als jeder andere. Sein Pass in Spiel 2 zeigte das bestens, als er zwischen vier Spurs am Korb den Ball hatte, hochging und dann, kurz vor der Landung, noch einen Pass irgendwie um Luke Kornet herum perfekt zu Mikal Bridges in die Ecke löffelte. Sein lange so fragwürdiges Decision-Making ist nicht mehr fragwürdig, sondern eine große Stärke. Er nimmt das, was das Spiel ihm gibt. Und weil er so viel kann, kommt da am Ende eine ganze Menge bei rum.
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Es ist eine bemerkenswerte Entwicklung, erst recht bei einem 30-Jährigen in seiner elften NBA-Saison. Normalerweise weiß man zu diesem Zeitpunkt längst, was oder wer ein Spieler wird, oder man denkt das zumindest. Nowitzki war ja einst auch "soft", ehe er das nicht mehr war. Und KAT ist gerade ebenso dabei, sich erfolgreich neu zu erfinden.
Wenn die Knicks ihre Saison mit einem Titel zum Ende bringen, wird es keine Fragen mehr darüber geben, ob Towns seriös genug ist. Es dürfte dann eher darum gehen, wo genau sein Name unter den besten Bigs der Liga einsortiert werden sollte. Weiter oben als zuvor, so viel ist sicher.
"Die größte Währung, die du in New York City verdienen kannst, ist nicht Geld", sagte Towns schon vor den Finals, "sondern Respekt." Gesprochen wie jemand, der in seiner Laufbahn schon um die 285 Mio. Dollar verdient hat - und auf den Respekt trotzdem lange warten musste. Das sollte nach diesem Playoff-Run kein Thema mehr sein.
Ole Frerks