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    NBA

    vor 23 Stunden

    Vermeintlicher nächster Superstar Europas

    Der nächste Dirk? Wie ein Missverständnis Andrea Bargnani zum Nr.-1-Pick machte

    Vor 20 Jahren zogen die Toronto Raptors im Draft erstmals einen Europäer an Position 1. Andrea Bargnani sollte zum "Nachfolger" Dirk Nowitzkis werden - letzten Endes scheiterte er jedoch genau wie seine unmittelbaren Vorgänger an dieser Herausforderung. Und zeigte, wie fehlgeleitet die Suche von vornherein war …

    Andrea Bargnani, Dirk Nowitzki
    Bargnani (r.) im Duell mit Nowitzki. IMAGN IMAGES via Reuters Connect

    Es war nicht so, als hätte es im Vorfeld keine Skeptiker gegeben. Darko Milicic (Nr. 3-Pick 2003) und Nikoloz Tskitishvili (Nr. 5-Pick 2002) waren als epische Busts noch längst nicht verdaut, auch waren sie bei weitem nicht die einzigen hochprofilierten Fehlentscheidungen dieser Tage, die infolge dieser Suche getätigt wurden - und nun sollte schon wieder so ein unbewiesener "neuer Dirk Nowitzki" aus Europa gepickt werden? Vielleicht sogar an Position 1?

    Er sollte. Was nicht nur an der puren Begeisterung für den Spieler Andrea Bargnani lag - 2006 galt schon im Vorfeld als ziemlich schräger Jahrgang, ohne klaren Konsens-First-Pick wie etwa LeBron James drei Jahre vorher. Es gab aber doch auch genug Argumente, die der Italiener mit sich brachte und die ihn erst zum Kandidaten für diesen Status machten.

    Länge und Wurf, natürlich - irgendwoher musste der Dirk-Vergleich ja kommen. "Jeder große, weiße Shooter, der rüberkommt, wird früher oder später mit mir verglichen", winkte Nowitzki, der kurz vor dem Bargnani-Draft erstmals die NBA-Finals erreicht hatte und das "Spiel" schon eine ganze Weile kannte, zwar etwas müde ab.

    Es war aber nicht bloß dieser Fiebertraum, der die Entscheidung der Raptors damals bedingte. Der Bargnani-Pick galt unter vielen Experten als gut, als richtig. Der Konsens war relativ optimistisch, dass "Il Mago" nicht der nächste Darko sein würde - was sich als korrekt erweisen sollte. Vom nächsten Dirk allerdings war Bargnani am Ende sogar noch weiter entfernt.

    Andrea Bargnani
    Andrea Bargnani wurde zweiter Platz im Rookie-of-the-Year-Ranking. imago sportfotodienst

    Ein guter Start

    Eigentlich begann Bargnanis Laufbahn durchaus vielversprechend. Anders als etwa Milicic hatte der Italiener in Europa (zuletzt bei Treviso) schon mit 16 Jahren echte Minuten gespielt und kam als EuroLeague Rising Star in die NBA, war also erprobt im Spiel gegen "echte" Profis. Die Raptors führten ihn dennoch langsam heran, begannen aber schon nach wenigen Monaten, sich über ihre Entscheidung zu freuen.

    Nach der Jahreswende steigerte sich der Rookie massiv. Im Februar etwa kam er in zwölf Spielen auf 14,3 Punkte bei 48,3 Prozent von der Dreierlinie, seine Rolle wurde beständig größer, obwohl er fast immer von der Bank kam. In einem Feature von ESPN The Magazine aus dem März 2007 bekundete kein Geringerer als Dirk selbst, dass Bargnani besser spielte als er in diesem Alter (21).

    "Es gibt für ihn keine Grenze", urteilte Nowitzki, damals auf dem Weg zu seinem ersten und einzigen MVP-Award. Ein anderer kommender Superstar pflichtete bei: "Er ist wie ein Junior-Dirk", sagte LeBron James. "Er wird ein sehr, sehr, sehr beeindruckender Spieler in dieser Liga werden."

    Ein einzigartiges Profil

    Besonders gefiel es den Beobachtern damals, dass Bargnani nicht nur scoren konnte - gelobt wurden auch die Persönlichkeit, die gelebte Verweigerung, sich herumschubsen zu lassen, das bisweilen sogar gockelhafte Selbstvertrauen. Wie Raptors-GM Bryan Colangelo verriet, hatte dieser Charakterzug viel mit seiner Draft-Position zu tun gehabt.

    Wie viele andere Prospects hatte Bargnani damals das Caliper-Profil durchlaufen, einen Persönlichkeitstest, den nicht nur viele Sport-Franchises, sondern auch Unternehmen nutzten, um das Potenzial von Menschen in bestimmten Situationen zu evaluieren. Bargnani habe dabei ein einzigartiges Profil offenbart, so Colangelo.

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    "Sie sagten, seine Upside und sein Potenzial seien grenzenlos. Sie hätten so etwas noch nie gesehen", sagte der General Manager, und meinte: Dem Test zufolge sei es Bargnani vollkommen egal, was andere über ihn dachten. Weshalb er sich singulär auf Aufgaben fokussieren konnte, ohne sich von Erwartungen, Kritik oder ähnlichen Nebenwirkungen des Daseins als Nr. 1-Pick ablenken zu lassen.

    Bargnani war nicht nur talentiert, er war auch prädestiniert dafür, durch fokussiertes Arbeiten mit der richtigen Anleitung all sein Potenzial auszuschöpfen. So zumindest die Theorie.

    Keine Entwicklung

    Die Realität jedoch sah etwas anders aus. Ob das nun an seiner Persönlichkeit lag oder nicht - Bargnanis Entwicklung verlief schleppend, Jahr zwei markierte einen klaren Rückschritt, in mancher Hinsicht wurde er nie wirklich besser. Dem Klischee des weichen Europäers entsprach er zwar insofern nicht, als dass er gern trashtalkte und mit Feuer spielte, aber ein physischer Baller war er keineswegs.

    Eher im Gegenteil. Bargnani kam als schwacher Verteidiger in die Liga und blieb es. Als Rebounder war er fürchterlich für seine Größe. Mit 2,13 m Körperlänge holte er 4,6 Boards pro Spiel. Es lag auch daran, dass die Raptors ihn positionell hin- und herschoben, bisweilen sogar als Small Forward starten ließen. Den Speed dafür hatte er jedoch nicht, hierdurch taten sich defensiv wiederum andere Probleme auf.

    Manches funktionierte zwar - allen voran das Scoring, zur besten Zeit kam Bargnani auf 21,4 Punkte pro Spiel. Diese hatten jedoch kaum Einfluss auf den Erfolg seines Teams, Zeit seiner Karriere verloren Bargnanis Teams mehr als 60 Prozent seiner Spiele in der Regular Season und erreichten lediglich zweimal die Playoffs, in seinen ersten beiden Jahren.

    All-Star-Sphären erreichte er nicht. Tatsächlich performten Teams über seine Karriere fast immer schlechter, wenn er auf dem Court stand. Selbst seine Calling Card, das Scoring, kam häufig unterdurchschnittlich effizient zustande. 35,4 Prozent seiner Dreier versenkte er über seine Karriere, am Ring traf er weit unter 60 Prozent - lausig für einen Big Man.

    Andrea Bargnani: Karrierestatistiken

    SaisonPTSFG%3PT%REBAST
    2006-0711.6.427.3733.90.8
    2007-0810.2.386.3453.71.1
    2008-0915.4.450.4095.31.2
    2009-1017.2.470.3726.21.2
    2010-1121.4.448.3455.21.8
    2011-1219.5.432.2965.52.0
    2012-1312.7.399.3093.71.1
    2013-1413.3.442.2785.31.1
    2014-1514.8.454.3664.41.6
    2015-166.6.455.1882.10.4
    10 Yrs14.3.439.3544.61.2

    Kein richtiger Bust, aber …

    Erschwerend hinzu kam, dass sich bei Bargnani nach fünf Jahren in der Liga die Verletzungen häuften. Nach 2011 kam er nicht mehr über 46 Spiele in einer Saison hinaus. Es lag nicht zuletzt daran, dass die Raptors ihn 2013 nach New York tradeten und dass er dort dann weder bei den Knicks noch am Ende bei den Nets wirklich Fuß fassen konnte.

    Unterm Strich spielte Bargnani zehn Jahre in der NBA. Ein richtiger Bust wurde er nicht, ein Star jedoch ebenso wenig. Trotz einiger vielversprechender Phasen blieb er ein Spieler, der über angedeutetes Potenzial nie wirklich hinauskam, und ein weiteres gutes Anschauungsbeispiel dafür, wie kurzsichtig und fehlgeleitet die Suche nach dem "nächsten Dirk" tatsächlich ablief.

    Rückblickend muss sich feststellen lassen, dass Teams auf Nowitzkis kometenhaften Aufstieg nicht nur überreagierten, sondern dass sie dabei auch noch missverstanden, was den Würzburger in der Liga so erfolgreich machte. Das war ja eben nicht bloß die Länge kombiniert mit einem guten (lies: großartigen) Wurf; Dirk war kein Stretch-Big, der Dreier war nur ein Teil seines Arsenals.

    Andrea Bargnani
    Andrea Bargnani beendete seine NBA-Karriere 2016 bei den Nets. IMAGO/EPA

    Das echte Unikat

    Was er außerdem brachte: die Fähigkeit, sich Würfe zu kreieren, gerade aus der Mitteldistanz. Die Fußarbeit, die Kreativität. Das Durchsetzungsvermögen, auch körperlich. Nowitzki war selbst kein berühmter Verteidiger, aber er war solide im Teamverbund, dazu ein mindestens ordentlicher Rebounder.

    Es war kurzum möglich, mit ihm auf einer der beiden großen Positionen glaubhaft Defense zu spielen - und offensiv garantierte sein Skillset in seiner Prime eine Top-10- bis Top-3-Offense. Um das zu replizieren, reichte es bei weitem nicht, ein "großer, weißer Shooter, der rüberkommt", zu sein, wie Nowitzki es selbst ausdrückte.

    Es reichte aber für einige Jahre, um sehr weit oben gedraftet zu werden. Wobei Bargnani nicht nur den Höhepunkt, sondern auch das vorläufige Ende dieser Suche repräsentierte. Der nächste europäische Top-4-Pick ohne vorherige College-Erfahrung kam erst neun Jahre später; andererseits passte Kristaps Porzingis irgendwie natürlich wieder auch in das skizzierte Beuteschema.

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    Ole Frerks