vor 17 Stunden
Glaube an goldene Generation
Johannes Thiemann ist zurück in Deutschland. Der Neu-Münchener spielte in den vergangenen zwei Jahren in Japan - und machte dort herausfordernde, aber gleichzeitig auch hilfreiche Erfahrungen. An seinem Status als Nationalspieler hat das wenig geändert.

Am Donnerstag wird in Köln eine Legende der deutschen Männer-Nationalmannschaft geehrt. Kein Hall-of-Famer, kein NBA-Spieler, kein "Rennpferd", um es mit Gordon Herbert zu formulieren. Dafür mit Johannes Voigtmann ein spielintelligenter Glue-Guy, aber gleichzeitig eben auch eine "Legende". So bezeichneten bei Voigtmanns Rücktritts-Post auf Instagram zumindest viele Nationalmannschaftskollegen den Center, auch Johannes Thiemann, der sogar einen Schritt weiter ging: "Legende! 7 unter die Hallendecke", schrieb Thiemann in seinem Kommentar.
Vielleicht mag das etwas hoch gegriffen sein, ist bislang doch nur die 14 von Dirk Nowitzki im DBB-Kreis zurückgezogen worden. Doch Voigtmann zeigte während seiner elfjährigen Länderspielzeit samt 128 Partien ein Commitment für die Nationalmannschaft, bevor das Wort cool wurde und bevor es einfach war, sich für das DBB-Team inmitten der goldenen Erfolgswelle zu committen, was durchaus legendär ist.
Johannes Thiemann steht dem eigentlich in kaum etwas nach. Der 32-Jährige hat wie Voigtmann seit 2017 an allen großen Turnieren teilgenommen: an drei Europa- und zwei Weltmeisterschaften, an zwei Olympischen Spielen. Für EM- und WM-Qualifikationspartien flog Thiemann in der jüngeren Vergangenheit schon mal aus dem fernen Japan ein und trotzte Jet-Lags.
Die Umstellung vom etwas anderen Spiel in der japanischen Liga, wo Thiemann vor seinem Wechsel zum FC Bayern München in dieser Offseason zwei Jahre lang aufgelaufen ist, zurück zum europäischen Basketball fiel Thiemann in den vergangenen Länderspielfenstern nicht sonderlich schwer. "Der japanische Basketball war natürlich erstmal eine krasse Umstellung für mich. Aber ich bin mit FIBA-Basketball groß geworden", sagte Thiemann im Vorfeld der Partie in Köln im Gespräch mit basketball-world.news. "In den Fenstern habe ich gezeigt, dass ich keine großen Probleme habe, in dieses Spiel zurückzufinden." Für wahr: Anfang März dieses Jahres stellte Thiemann beim Crunchtime-Sieg gegen Kroatien sogar seinen persönlichen DBB-Karrierebestwert von 24 Punkten auf.
Thiemann hatte in seiner Zeit in Japan derweil einige Herausforderungen zu meistern: "Die back-to-back sind natürlich hart", nennt der Big Man eine. Denn oftmals stehen in der japanischen Liga zwei Partien an einem Wochenende gegen den gleichen Gegner an. "Die Sprachbarriere war auch krass", führt Thiemann aus, denn seine japanischen Teamkollegen haben kein Englisch gesprochen. "Das lief alles über einen Dolmetscher. Von daher war es auch schwierig, im Spiel zu kommunizieren." Schwierig vor allem deshalb, so Thiemann, da einheimische und ausländische Akteure oft ein unterschiedliches Verständnis vom Spiel hatten.
"Die Guards sind meist Japaner, auf den großen Positionen sind die Imports. Dadurch ist das Spiel auf den Positionen krass konträr", sagt Thiemann zu der Kaderzusammenstellung der meisten Teams. In der vergangenen Saison liefen in der japanischen Liga ehemalige NBA- und EuroLeague-Spieler wie beispielsweise Jahlil Okafor, James McAdoo, Brandon Davies, Brock Motum oder auch Thiemanns ehemaliger Teamkollege bei Alba Berlin Yanni Wetzell auf. Spieler jenseits der 30, die gleichzeitig aber auch eine Menge Erfahrung mitbringen.
Für Thiemann brachte dieses "konträre" Spiel aber auch Neues mit sich: "Ich habe viel gelernt und Dinge getan, die ich im europäischen Basketball nicht gemacht habe", muss Thiemann schmunzeln, "wie zwischendurch das Pick-and-Roll als Ballhandler zu laufen." In der deutschen Nationalmannschaft muss Thiemann so etwas natürlich nicht tun, dafür hat er im aktuellen Fenster Dennis Schröder und Maodo Lo. Vielmehr ist mehr denn je seine Präsenz im Low-Post gefragt. Dort kombiniert der Big Man geballte Physis und geduldige Finesse, dass es im sonst so schnell ausgelegten Offensivsystem von Bundestrainer Alex Mumbru auch mal etwas langsamer werden darf. Denn am Zonenrand ist Thiemann eine verlässliche Offensivoption.
In seiner letzten Saison in Berlin, 2023/24, hatte sich Thiemann endgültig zum Big Man von EuroLeague-Format etabliert, war in 24 seiner 29 Partien gestartet und hatte mit durchschnittlich 12,7 Punkten bei einer Dreierquote von 34,4 Prozent, 5,2 Rebounds und 1,9 Assists überzeugt, Durch seinen Wechsel nach Japan konnte man sich dennoch die Frage stellen, ob er nicht damit auch sein persönliches Momentum aufgegeben hatte, nicht weiter in der EuroLeague aufzulaufen. Diese Frage wird er nun im Bayern-Trikot beantworten können.
Auf die Frage im Interview mit dem Münchner Merkur, ob Johannes Voigtmann einen neuen Voigtmann sehe, antwortete der nun ehemalige Nationalspieler: "Oh nee. Einen neuen Voigtmann nicht. Aber es braucht keinen neuen Voigtmann." Nun sind Voigtmann und Thiemann auf den ersten Blick beileibe nicht ähnliche Spielertypen, doch an seinen Passfertigkeiten hat Thiemann in den vergangenen Jahren durchaus gefeilt. Ob er sich dabei etwas von Johannes Voigtmann oder auch von Luke Sikma in Berlin abgeschaut hat, ist zweitrangig, doch Thiemann hat in seinen nunmehr zehn Jahren als Nationalspieler sicherlich gezeigt, wie man sich entwickeln kann, wie man mit harter Arbeit weit mehr sein kann als "nur" ein harter Arbeiter.

Wenn Voigtmann am Donnerstag geehrt werden wird, deutet das auch den nahenden Umbruch an, zeigt, dass die goldene Generation älter wird. Niels Giffey hing sein DBB-Trikot nach den Olympischen Spielen 2024 an den Nagel, Voigtmann folgt jetzt, aus dem Kern der so erfolgreichen DBB-Auswahl gibt es fünf Spieler, die mindestens 30 Jahre alt sind, Thiemann inklusive.
Jener Kern hat den deutschen Basketball "mad sexy" gemacht, doch wo wird der deutsche Basketball bei den Olympischen Spielen 2028 stehen, wie sexy wird er dann sein? Thiemann lacht, "wie ein guter Wein", antwortet der Big Man, der dann 34 Jahre alt sein wird, altere das Team. "Wir haben noch viel im Tank und können noch viel erreichen. Eine olympische Medaille fehlt uns allen noch in der Vita - das haben wir uns auch als Ziel gesetzt."
Ob Thiemann dann auch im DBB-Kader stehen wird, bleibt abzuwarten, angesichts von teaminternen Konkurrenten wie Isaiah Hartenstein, Moritz Wagner, Ariel Hukporti oder Hannes Steinbach, die in diesem Fenster nicht zur Verfügung standen. Für die DBB-Auswahl bereitstehen dürfte Thiemann aber sicherlich, das hat er in den vergangenen zehn Jahren bewiesen. Und wer weiß, sollte er seine DBB-Karriere dann bereits beendet und einen Abschieds-Post auf Instagram abgesetzt haben, könnte der ein oder andere Teamkollege mit einem Wort kommentieren: "Legende".
Manuel Baraniak