vor 21 Stunden
Utahs Offseason im Detail
Die Utah Jazz haben eine einigermaßen ruhige Offseason hinter sich, können aber dennoch zu den großen Gewinnern des Sommers gezählt werden. Nach vielen Saisons im Schatten ist die Franchise gewillt, den Westen aufzumischen.

Durch den aktuellen CBA sind die Offseasons nicht mehr das, was sie früher mal waren. Das haben die Jazz schon früh erkannt und gehörten in der vergangenen Saison zu den Vorreitern der Strategie: Offseason in den Februar legen. Also schnappten sie sich zur Trade Deadline Jaren Jackson Jr. aus Memphis und haben mit ihm und Lauri Markkanen auf einen Schlag einen der besten Frontcourts der Liga.
Anschließend hieß es im Mai erstmal, die Daumen für die Lottery zu drücken. Dabei scheinen sich die Verantwortlichen Mühe gegeben zu haben, das Ergebnis war der erste Top-5-Pick seit 2014 (Dante Exum)! Diesmal war es sogar der 2. Pick in dem sehr talentierten Rookie-Jahrgang, aus dem Darryn Peterson schließlich seinen Weg an den Salzsee fand.
Danach war die Top-Priorität, mit Center Walker Kessler zu verlängern. 140 Millionen Dollar über fünf Jahre waren ihm aber offenbar nicht genug, weshalb Danny Ainge die Not der Lakers nach einem Franchise-Center ausnutzte und Kessler für richtig viel Gegenwert nach L.A. tradete. Durch den Trade kontrollieren die Jazz jetzt vier der sechs Erstrundenpicks der Lakers zwischen 2028 und 2033, die - je nachdem, was Luka Doncic in Zukunft macht - richtig wertvoll werden könnten.
Als Ersatz für Kessler kam Jaxson Hayes im Gegenzug von den Lakers, zudem einigte sich Utah auf eine Verlängerung mit Jusuf Nurkic (2 Jahre, 22 Mio.) und nahm auch noch Mo Bamba für zwei Jahre unter Vertrag (teilweise garantiert). Ein Geniestreich könnte zudem die Verpflichtung von Josh Okogie für läppische 12 Mio. (2 Jahre) gewesen sein, der in der Vorsaison einer der Eckpfeiler der Houston Rockets war.

| Position | Starter | 2nd | 3rd | 4th |
|---|---|---|---|---|
| PG | Keyonte George | Isaiah Collier | Trey Alexander | - |
| SG | Darryn Peterson | Josh Okogie | Ace Bailey | Svi Mykhailiuk |
| SF | Lauri Markkanen | Brice Sensabaugh | Josh Green | - |
| PF | Jaren Jackson Jr. | Kyle Filipowski | Blake Hinson | - |
| C | Jusuf Nurkic | Jaxson Hayes | Mo Bamba | - |
Zugänge: Jaxson Hayes (Lakers), Josh Okogie (Rockets), Mo Bamba (Free Agent), Darryn Peterson (Rookie)
Abgänge: Walker Kessler (Lakers)
Nach den Abgängen von Donovan Mitchell und Rudy Gobert begab sich die Franchise im Sommer 2022 in einen langen Winterschlaf. Markkanen sorgte zwar immer wieder für individuelle Highlights, viel Grund zur Freude gab es in Utah in den vergangenen vier Jahren aber nicht. Damit soll jetzt Schluss sein.
In der Vorsaison haben die Jazz bereits angedeutet, welches Potenzial in der Achse um Markkanen, Keyonte George und Kessler steckte. Verletzungspech und offensichtliche Siegesverweigerung/"dringende" OPs in der zweiten Saisonhälfte beließen es aber bei der Andeutung. Jetzt ist mit Kessler ein Teil dieses Trios weg, dafür ist mit JJJ ein noch spannenderer Spieler dazugekommen.
Der Ex-Grizzlies ist ähnlich wie Kessler ein überragender Verteidiger, anders als der getradete Big kann Jackson Jr. aber an einem guten Tag auch offensiv richtig heiß laufen. Es wird spannend zu sehen, wie die Jazz den DPoY von 2023 einsetzen. Er kann sowohl auf der Vier als auch auf der Fünf auflaufen, funktionierte in Memphis aber stets besser mit einem echten Big neben ihm, der ihm Freiräume zum "Roamen" ließ. Das ist allerdings aktuell die schwächste Position der Jazz. Nurkic und Hayes sind beides ordentliche Bigs, haben aber ihre klaren Limitationen. Gut möglich, dass Utah hier bald noch mal ran muss.
Spannend wird auch die Situation im Backcourt sein: George hat in der vergangenen Saison einen Riesensprung gemacht und sich als einer der besseren Guards der Liga etabliert. In Utahs Wunschvorstellung soll er gemeinsam mit Rookie Peterson das Duo der Zukunft werden. Peterson hat in der Summer League schließlich schon sein enormes offensives Potenzial angedeutet. Gleichzeitig bringt er optimale Voraussetzungen mit, um auch defensiv ein perfekter Fit neben dem schmächtigeren George zu sein.
Generell hat Utah auf dem Papier eine tolle Mischung aus jungen Talenten und erfahrenen Veteranen. Die Verpflichtung von Okogie bringt wichtige Perimeter-Defensive und Shooting, was Utah beides gut gebrauchen kann. Hinzu kommen die vielen talentierten Youngster wie Isaiah Collier, Kyle Filipowski, Ace Bailey und Brice Sensabaugh, die allesamt vor einer richtungsweisenden Saison stehen: Sie müssen zeigen, ob sie das Zeug dazu haben, den Sprung vom Talent zum Rotationsspieler eines aufstrebenden Contenders zu schaffen.
Ein gutes Team auf dem Papier macht jedoch noch nicht ein gutes Team auf dem Court. Die Jazz wissen, dass viele Augen auf sie gerichtet sind und müssen nach Jahren der Bedeutungslosigkeit wieder Erwartungen erfüllen. Damit das Erfolg hat, muss mit JJJ ein Star-Spieler in das bestehende Teamkonstrukt integriert werden, was bekanntlich nicht immer auf Anhieb reibungslos funktioniert.
Zumal auch die Frage nach Jacksons Position noch nicht vollends geklärt ist. Damit Utah gut sein kann, muss er wohl in wichtigen Phasen auf der Fünf spielen, Hayes und Nurkic sehen gegen die starken Center des Westens nämlich bekanntlich wenig Land. Generell ist die Defensive eine der Schwachstellen, da mit George und Markkanen zwei der besten drei Spieler Minusverteidiger sind. Hier müssen die Neuzugänge JJJ, Okogie und auch Peterson direkt viel Last schultern.
Auch Shooting bleibt ein Thema: In der Vorsaison hatten die Jazz die sechstschlechteste Dreierquote der Liga (34,5 Prozent) und haben mit JJJ nun einen weiteren streaky Shooter in ihren Reihen, der viele Minuten spielen wird. Dazu sind auch Markkanen und George keine klassischen Knockdown Shooter, die von draußen richtig heiß laufen können. Darunter könnte das Spacing erneut leiden.
Alles in allem sind die Jazz eines der spannendsten Teams der Liga, die ganz großen Sprünge sind ihnen im Westen aber noch nicht zuzutrauen. Sie müssen sich erst beweisen, ob ihre neue Big Three wirklich funktionieren kann und wie die jungen Spieler in diesen Mix passen. Wenn das einigermaßen zusammenpasst, ist eine Playoff-Teilnahme auf jeden Fall drin, garantiert ist aber nichts.
Realistisch scheint wohl, dass das Team am Ende der Saison um eine gute Platzierung im Play-In-Rennen kämpft.
Gianluca Fraccalvieri