23.06.2025
Kanadier krönt sich mit OKC
Shai Gilgeous-Alexander musste während der Playoffs jede Menge Kritik einstecken. Es wurde viel über Freiwürfe diskutier - und dabei übersehen, dass SGA die womöglich beste Saison eines Guards seit Michael Jordan spielte.

All-Star, Scoring Champion, All-NBA First Team, MVP und Finals-MVP. So liest sich die Bilanz von Shai Gilgeous-Alexander nach der nun abgelaufenen Saison. Mit Ausnahme des All-Star-Game-MVP-Titels (na, wer war es?) räumte der Kanadier in dieser Spielzeit alles ab, was es individuell und mit dem Team zu gewinnen gab.
68 Siege feierte OKC während der Saison, 16 weitere in den Playoffs. Nur die Chicago Bulls um Jordan im Jahr 1996 gewannen häufiger (87) und stemmten im Anschluss die Larry O'Brien Trophy in die Höhe. Gilgeous-Alexander hatte natürlich den größten Anteil, er war das Alpha und Omega der Thunder-Offense.
Bisweilen wirkte es oft so, dass die Halbfeld-Offensive nur aus Gilgeous-Alexander bestand, während der Rest vor allem in Transition scorte und dank der überragenden Defense sich Vorteile verschaffte. Wenn aber nichts mehr ging, dann ging zumindest der Mann mit der Nummer zwei.
Am Ende waren es für SGA in den Playoffs knapp unter 30 Punkte im Schnitt (29,9 PPG), mit seinen 688 Zählern reiht sich der Kanadier unter den Top 10 für die meisten erzielten Punkte in einem Playoff-Run ein - genau zwischen Kobe Bryant und Michael Jordan auf Rang 9. Dieses Duo ist ein gutes Stichwort, sie waren die anderen beiden dominanten Guards (neben Stephen Curry) der letzten 35 Jahre, die auch Meister wurden.
SGA erzielte dagegen während der Regular Season 32,7 Punkte pro Spiel, über die vergangenen drei Jahre waren es 31,4 im Schnitt. Im Vergleich zu anderen Scorern, man nehme hier James Harden, ist Gilgeous-Alexander zudem ein Plusverteidiger, auch wenn sein Ruf womöglich etwas schlechter ist, als er sein sollte.
Dennoch: SGA ist einer der besten Scorer seiner Ära, sein Run in den vergangenen drei Jahren sollte alleine reichen, um in die Hall of Fame aufgenommen zu werden. Er ist der beste Schütze aus der Mitteldistanz, ist im Eins-gegen-Eins kaum zu halten und schließt am Ring inzwischen hochprozentig ab. Dazu kommt eine Freiwurfquote von knapp 90 Prozent und eben fast neun Versuche pro Spiel.

Klar, über einige Pfiffe lässt sich herzlich streiten, doch das sollte nichts von SGAs Brillanz wegnehmen. Seine Fakes, seine Stop-and-Gos sind schlichtweg kaum zu verteidigen, entsprechend passieren eben Fouls, so marginal sie manchmal auch scheinen. Der Aufbauspieler ist kein Kraftprotz, sein Spiel ist elegant oder mehr "herky jerky", wie es die Amerikaner gerne sagen.
Es ist auch eine Lehre für andere. Während Nikola Jokic ein absolutes Einhorn ist, kann das Spiel von SGA kopiert werden. Er ist ein guter, aber kein großartiger Athlet. Er ist ein guter, aber kein großartiger Schütze. Er ist ein guter, aber kein überragender Spielmacher. Er ist ein guter, aber kein großartiger Verteidiger. Vielmehr hat sich Gilgeous-Alexander nach oben gearbeitet. Der elfte Pick von 2018, der zwar in Kentucky spielte, dem aber im Draft Mitspieler Kevin Knox (quasi nicht mehr in der NBA) vorgezogen wurde, und der nach seiner Rookie-Saison getradet wurde.
Ein Spieler, der in seinen frühen Tagen in OKC von Chris Paul lernte, und dann mit der Franchise durch schwere Zeiten ging, als die Thunder mehrere Jahre im Keller des Westens rum krebsten und via Draft das Fundament für diesen Titel legten. In einer Liga mit vielen Transaktionen und Schnelllebigkeit ist das ein "ehrliche" Meisterschaft, aufgebaut über fünf, sechs Jahre.
SGA und OKC steckten die höchste Niederlage der NBA-Geschichte ein (79:125 im Dezember 2021 in Memphis), sie erlitten Rückschläge (wie in den Conference Semifinals gegen Dallas im Vorjahr), sie entwickelten sich aber stets weiter. Niemand steht dafür so sehr wie Gilgeous-Alexander.
Dieses Team, diese Saison wird in Erinnerung bleiben. Sie sah eine historisch gute Verteidigung und einen historisch guten SGA, der in 99 Spielen genau viermal weniger als 20 Punkte erzielte. Der Kanadier mag zwar nicht die Aufmerksamkeit eines Kobe Bryant oder Michael Jordan erhalten, dennoch war dies der beste Run über eine komplette Saison hinweg seit den Tagen von His Airness in Chicago. Mit ein bisschen Abstand werden dies auch die größten Kritiker an seiner Spielweise anerkennen müssen.
Robert Arndt