vor 14 Stunden
Realitätscheck gegen Fenerbahce
Nach drei Siegen zum Saisonauftakt sind die Bayern bei Fenerbahce auf den harten Boden der Realität aufgeprallt. Besonders die Art und Weise der Niederlage dürfte die anfängliche Euphorie vorerst trüben.

Die Stimmung in München war in den Tagen und Wochen rund um den Saisonbeginn durchaus gut. Die Nationalmannschaft hatte vier Siege im Rücken, die namhaften Transfers versprühten Euphorie und mit dem knappen Auftakterfolg gegen Hapoel war also auch der Einstand von Trainer Anton Gavel geglückt.
Nun also der kleine Realitätscheck in Istanbul. Bei Fenerbahce kassierten die Münchner nicht nur eine krachende 24-Punkte-Niederlage, sondern lagen dabei auch ab Minute zwei bis zum Spielende (größtenteils deutlich) zurück. "Das was wir in der ersten Halbzeit von uns gesehen haben, war kein Basketball", stellte Rokas Jokubaitis im Anschluss klar. "Sie konnten mit uns alles anstellen!"
Zwar muss eingeordnet werden, dass Fenerbahce besonders in der Anfangsphase durchaus überdurchschnittlich gut traf - so landeten sechs der ersten sieben Dreierwürfe im Korb -, doch das erklärt die eigene niedrige Ausbeute des deutschen Vizemeisters nicht.
Offensichtlich war die offensive Ideenlosigkeit gegen die erstickende Switch-Defensive der Türken, deren Flügelverteidigung das Aufbauspiel der Bayern verhinderte, bevor es überhaupt versuchte, stattzufinden. Andi Obst, der sich in den vergangenen Jahren einen veritablen Drive angeschafft hat, verbuchte keinen einzigen Abschluss im Zweierbereich. Jessup war mit der Aggressivität des Gegners so überfordert, dass er in zwölf Minuten drei Ballverluste generierte.
"Wir haben ihre Physis nicht gematcht", gab auch Trainer Gavel zu. "Sie haben uns zu schweren Würfen gezwungen, wir konnten nie unseren Rhythmus finden." Defensiv schienen die Bayern von Fenerbahces Wucht ebenfalls überfordert. Zwölf Offensivrebounds sammelten die Türken ein. Bayern musste hingegen bis ins zweite Viertel hinein warten, ehe man sich erstmals eine zweite Chance erarbeitete.
Für Gavel war das auch der Grund, weshalb Fenerbahce in der Lage war, aus der Distanz Feuer zu fangen: "Sie kamen in die Zone, haben offene Würfe kreiert und dazu sehr gut getroffen." Wir haben es nicht geschafft, sie zu stoppen. Sie haben die Bretter dominiert."

Rückkehrer Jokubaitis, der mit seiner Schnelligkeit für gute Impulse von der Bank sorgte (12 PTS, 3 AST), machte auch die falsche Herangehensweise seiner Mannschaft für die Niederlage mitverantwortlich. Demnach sei die Vorbereitung aufs Spiel "nicht da" gewesen. Zudem schien der Respekt vor dem großen Gegner offenbar zu groß.
Zu Saisonbeginn gibt es naturgemäß einige Baustellen. Bei den Bayern ist der Systemwechsel nach Trainerwechsel eine offensichtliche. Gavels Aufgabe wird es aber sein, die richtige Rotation zu finden. Fragezeichen hinter der Kombination da Silva/Thiemann sollten erlaubt sein. Ebenso wie Kritik an der etwas willkürlich wirkenden Kaderzusammenstellung (gegen Fenerbahce fehlte nun Jensen im Aufgebot, obwohl dieser noch im EuroLeague-Auftakt gegen Hapoel überzeugt hatte).
Trotz allem sind die Münchner mehr als im Soll. Dass bei Auswärtsspielen gegen Hapoel und Fenerbahce zumindest ein Sieg heraussprang, war nicht zu erwarten. Eine erste echte Standortbestimmung folgt dann bereits am Freitag, wenn beim ersten Heimspiel Partizan Belgrad in den SAP Garden kommt. Die Serben stehen bereits bei zwei Siegen, sie schlugen Mailand und Paris, sind aber auch kein Top-Team. Für die Play-In-Ambitionen der Bayern ist das eigentlich ein Pflichtsieg.
Julius Ostendorf