24.02.2026
Gelingt doch noch der Durchbruch?
Nach langer Verletzungspause ist Scoot Henderson kurz vor der All-Star-Pause endlich auf den Court zurückgekehrt. Im restlichen Saisonverlauf hat kaum ein Spieler mehr zu beweisen als der Guard der Portland Trail Blazers. Kann er seinem Pre-Draft-Status doch noch gerecht werden?

NBA-Spieler haben keinen Anspruch auf Fairness. Nicht wirklich jedenfalls. Klar, auf dem Court sind alle dazu angehalten, sich einigermaßen zu benehmen, was mal besser klappt und mal schlechter. Was die individuellen Karrieren angeht allerdings? Da spielen viele Faktoren eine Rolle, die für die Spieler nicht kontrollierbar sind - und die längst nicht immer irgendwo auf ausgleichende Gerechtigkeit hinauslaufen.
Scoot Henderson hat damit schon einige Erfahrungen gemacht. Der enorme Pre-Draft-Hype, der ihn einst gar mal auf einer Stufe mit Victor Wembanyama wähnte, schützte ihn nicht vor einem reichlich schwierigen Start in seine Karriere, vor miesen Quoten, vor astronomischen Turnover-Raten, vor den gefürchteten "Bust"-Rufen, ehe er sein 20. Lebensjahr vollendet hatte.
Es verhinderte auch niemand, dass Henderson - der in seinem zweiten Jahr langsam die Kurve zu kriegen schien, und in Jahr drei so richtig loslegen wollte - sich unmittelbar vor dem Start des Training Camps vor Jahr drei schwer am Oberschenkel verletzte. Dass er, der Spielpraxis gefühlt nötiger hatte als fast jeder andere NBA-Spieler, die ersten 51 Saisonspiele aussetzen musste.
Henderson, dieses einst so gehypte Talent, dieser gerade mal 22-jährige ehemalige Nr.3-Pick, geriet in der Zwischenzeit außerhalb Portlands nahezu in Vergessenheit. Jetzt allerdings ist er wieder da - sechs Spiele hat Henderson mittlerweile auf dem Buckel, im letzten fiel auch erstmals das zuvor gültige 20-Minuten-Limit.
Finden der vermeintliche Franchise-Retter und seine Franchise nun doch noch irgendwie zusammen?
Die ersten Resultate sind überwiegend positiv. "Er hat noch Raum für Verbesserungen, aber es ist einfach gut, ihn spielen zu sehen", bekundete Blazers-Coach Tiago Splitter schon nach Hendersons Saisondebüt gegen Memphis. Diese Partie war der erste Sieg mit Henderson als designiertem sechsten Mann, mittlerweile stehen die Blazers mit ihm bei 4-2, nachdem sie unmittelbar vor seiner Rückkehr sechs Niederlagen in Folge kassiert hatten.
Was nicht heißt, dass Portland ohne Scoot verloren gewesen wäre - im Gegenteil, in seiner Abwesenheit hat sich das Team weiterentwickelt, phasenweise während dieser Spielzeit durchaus guten Basketball gespielt. Trotz der Tatsache, dass die Franchise früh in der Saison durch den Wettskandal um den eigentlichen Head Coach Chauncey Billups erschüttert wurde.
Die Blazers sind kein Top-Team, aber nach Jahren in der Lottery zumindest mal wieder auf Kurs, das Play-In-Turnier und vielleicht sogar die Playoffs zu erreichen, was viel mit der Entwicklung von Neu-All-Star Deni Avdija zu tun hat. Sie sind gleichzeitig jedoch ein Team, das durchaus Bedarf hatte für das, was Henderson einer Mannschaft geben kann.
| Sp | MIN | PTS | AST | FG | 3PT | TOV |
|---|---|---|---|---|---|---|
| 6 | 21,7 | 13,0 | 5,2 | 40,7% | 34,4% | 3,7 |
In Abwesenheit eines klassischen Point Guards fand Portland für den Spielaufbau im Saisonverlauf verschiedene Lösungen; Avdija übernahm viel von dieser Rolle, was dem Israeli zu neuer Prominenz verhalf, ihn zuletzt aber auch zunehmend auslaugte. Und manche Probleme waren nicht von der Hand zu weisen; zu oft fehlt Portland die Struktur, kaum ein Team spielt weniger Assists, kein einziges Team leistet sich eine höhere Turnover-Rate.
Scoot gibt den Blazers seit seiner Rückkehr ein Passing-Upgrade. 5,2 Assists verteilt er in 21,7 Minuten pro Spiel, findet regelmäßig leichte Punkte für Teamkollegen, die ohne ihn nicht immer da waren. Er ist ein kreativer Passer, bereichert das Spiel aber ebenso sehr durch simple, schnelle Reads in Transition, die andere in gute Positionen bringen.
Er verfügt überdies über ein gewisses Überraschungsmoment. Seine Schnelligkeit und Explosivität machten ihn als Prospect so reizvoll und sind auch nach der Verletzung noch da; regelmäßig flitzt er mit Ball in der Hand am Gegner vorbei und reißt Lücken per Drive, was zu deutlich mehr Eckendreiern in seinen Minuten führt.
Und zu besseren Quoten von nahezu jedem Areal auf dem Court (in bisher sehr kleiner Stichprobe, sei dazu gesagt). Er ist ein guter Fit für das Drive-and-Kick-lastige System, das die Blazers unter Splitter etabliert haben.
Immer wieder blitzen diese positiven Attribute durch - und Henderson scort selbst deutlich effizienter als noch in seinen ersten beiden Jahren, zeigt Verbesserungen als Shooter, die Gold wert sein könnten, wenn sie sich bestätigen. Seine True Shooting Percentage kratzt erstmals am Liga-Schnitt (59,2%), ein nicht zu unterschätzender Schritt, nachdem er als Rookie noch zu den ineffizientesten Spielern der NBA zählte.
Manche Probleme sind indes nach wie vor da. Henderson zählt seit seinem ersten Profi-Spiel zu den Turnover-anfälligsten Spielern der NBA - das ist auch jetzt der Fall. Tatsächlich ist seine Turnover-Rate von 22,9% sogar ein Career-High und einer der übelsten Werte der Liga (unter Point Guards steht nur Washingtons Sharife Cooper noch "über" ihm).

Und manche seiner Ballverluste sind beinahe grotesk - Rookie-Fehler, eigentlich. Problematisch für ein Team, das schon ohne ihn eine absolute Turnover-Fabrik war. Wohlwollend betrachtet ließe sich einiges davon durch Hendersons Rost erklären, der vielleicht ja auch wirklich eine Rolle spielt. Andererseits ist die Problematik eben nicht neu.
Immerhin: In anderen Bereichen wirkt Henderson tatsächlich besser, insbesondere auch defensiv, wo es ihm erstmals besser gelingt, seine Athletik und Kraft gewinnbringend einzusetzen. Dass Suns-Coach Jordan Ott ihn als "elitären On-Ball-Verteidiger" bezeichnete, wirkte zwar maßlos übertrieben, bisher funktioniert die Blazers-Defense aber erstmals in seiner Karriere besser in den Minuten, die Henderson auf dem Court verbringt.
Unterm Strich zeigte Henderson bisher überwiegend ansprechende Leistungen als Bankspieler, die ihn vielleicht für eine größere Rolle empfehlen könnten (gerade dann, wenn Avdija aufgrund seiner Rückenprobleme länger ausfallen sollte). Das ist erst einmal gut. Ob es reicht, steht angesichts der Erwartungen wiederum auf einem anderen Blatt.
Zur Erinnerung: Es war mal eine Debatte, ob Scoot oder Wembanyama das bessere Draft-Prospect sei. Im Oktober 2022 spielte Wemby mit Metropolitans 92 gegen Henderson mit G-League Ignite - und der Guard stand dem Außerirdischen mit 29 Punkten, 5 Rebounds und 9 Assists (bei bloß 2 Ballverlusten) in nicht viel nach.
In der Folge etablierte sich Wemby zwar als klarer Nr.1-Pick 2023, auch der Franzose war jedoch ein Henderson-Fan. "Er ist ein wirklich großartiger Spieler. Wenn ich nie geboren worden wäre, würde er aus meiner Sicht den ersten Platz verdienen", sagte Wemby damals in seiner gewohnt, nun, selbstbewussten Manier. Er war nicht allein mit dieser Einschätzung.
Noch lange nach dem Draft-Abend machten sich etliche Experten über die Charlotte Hornets lustig - weil diese sich erdreistet hatten, an Position 2 nicht Scoot, sondern Brandon Miller zu draften. Sie sind lange verstummt, weil Henderson diesen Erwartungen bisher eben nie konstant gerecht werden konnte.
Die jetzt eigentlich keine Rolle mehr spielen sollen. "Ich kümmere mich um die Realität, nicht um Erwartungen", sagte Splitter kürzlich zu The Athletic. "Und die Realität ist, dass ich versuche, ihm dabei zu helfen, besser zu werden. Es ist mir egal, was Leute erwarten. Mich interessiert Scoot als Person und die Frage, wie er ein besserer Spieler werden kann."
Natürlich gehen all diese Themen aber miteinander einher. Die Blazers haben einst viele Hoffnungen in Henderson als potenziellen Franchise-Retter gesetzt - es hat sich seither aber viel verändert. Avdija hat sich etabliert, Damian Lillard ist nach seinem Trade zurückgekehrt, wird kommende Saison dann auch wieder ein Mitbewerber um die Rolle als Starting Point Guard sein.
Unterdessen ist die Franchise gerade dabei, verkauft zu werden. Noch ist nicht einmal bekannt, ob Splitter Billups nur vertritt oder dessen Posten auch langfristig übernehmen wird.
Wie Henderson da hineinspielt, ist langfristig ebenfalls nicht bekannt. So jung er noch ist, im Sommer wird er nach drei absolvierten NBA-Jahren erstmals ein Extension-Kandidat sein. Wobei sich nüchtern feststellen lassen muss, dass er den Blazers bisher nicht zu viele Argumente liefern konnte, massiv in eine gemeinsame Zukunft zu investieren.
Vielleicht kommt das ja nun. Die gute Nachricht: Portland ist mittendrin im Rennen um die letzten Playoff-Plätze, hat Tankathon zufolge den leichtesten Rest-Spielplan der NBA. Henderson kann eine Wild Card sein, vielleicht eine prominente Rolle dabei spielen, wenn Portland erstmals seit 2021 wieder die Postseason erreicht.
So oder so wird er einer der interessanteren Spieler im restlichen Saisonverlauf sein. Und irgendwie wäre ein baldiger Durchbruch ja auch passend; auf Fairness besteht ebenso wenig ein Anspruch wie auf Linearität. Manche Karrieren nehmen komische Routen, um in die Gänge zu kommen. Vielleicht kann Scoot ja doch noch richtig durchstarten.
Ole Frerks