03.04.2025
Marvin Willoughby im Interview
Marvin Willoughby hat die Hamburg Towers mitgegründet und steht heute noch als Vereinsboss in der Verantwortung. Im Interview mit basketball-world spricht der 47-Jährige über die durchwachsene Saison der Towers, die NBA-Ambitionen von Kur Kuath und die Wettbewerbsfähigkeit deutscher Vereine.

Herr Willoughby, Sie sind die Saison sehr zuversichtlich angegangen und kündigten an, die Towers müssten sich "vor niemandem verstecken". Der Etat von ca. 6.3 Millionen Euro ist der höchste der Vereinsgeschichte. Warum verlief die Saison dennoch so wechselhaft?
Marvin Willoughby: Ich glaube auch heute noch, dass wir uns vor niemandem verstecken müssen. Unser großes Problem in dieser Saison waren die Verletzungsausfälle. Ich glaube, wir haben nur vier Pflichtspiele in dieser Saison gehabt, wo wirklich alle Spieler verfügbar waren. Wir haben nicht die Tiefe, um das einfach zu kompensieren. Dennoch sind wir selbstkritisch und hinterfragen uns. Ich bin aber davon überzeugt, dass wir eine Truppe haben, die gut arbeiten kann. Zudem ist die Liga sehr eng beisammen. Von daher war nicht alles katastrophal.
Es gab im Kader einen sehr großen Umbruch. Von den Rotationsspielern der Vorsaison blieben lediglich Brae Ivey und Leif Möller. Hat das die Mannschaft vor Probleme gestellt?
Natürlich hätten wir gerne mehr Kontinuität. Darum bemühen wir uns auch. Wir sind allerdings sehr schnell auf ein hohes Niveau gekommen. Wenn man ehrlich ist, gehören wir vom Budget her nicht in den EuroCup. Für uns ist das eine gute Plattform. Aber die Spieler, die dort groß aufspielen, sind nur schwer für die darauffolgende Saison zu halten.
Ist im Sommer ein weiterer großer Umbruch zu erwarten?
Das denke ich nicht. Wir haben einige Verträge, die für die kommende Saison gelten. Zudem führen wir einige gute Gespräche. Ich glaube, dass wir ein gutes Team zusammengestellt haben, mit dem wir uns weiter verbessern können. Ich könnte mir gut vorstellen, dass uns über die Hälfte des Kaders erhalten bleibt, sodass wir eine gewisse Basis haben. Klar ist aber auch: Wenn ein großer Verein anruft, muss man sich unterhalten. Es würde nichts bringen, hier einen unzufriedenen Spieler zu halten.
Wie planen die Veolia Towers international?
Wir möchten gerne weiterhin EuroCup spielen. Dieser Wettbewerb ist natürlich Fluch und Segen zugleich. Wir müssen überperformen, um dort bestehen zu können. Wenn man so viele Verletzungen hat wie wir in dieser Saison, wird das schwer. Daher haben wir darüber nachgedacht, ob wir überhaupt weiter international spielen möchten. Wir glauben aber, dass wir als Organisation daran wachsen.
Machen die Towers mit dem EuroCup überhaupt Gewinn?
Auf dem Lernkonto auf jeden Fall. Ob man auch wirtschaftlich einen Gewinn macht, hängt vom Interesse der Zuschauer und der Sponsoren ab. Der Bäcker an der Ecke hat keinen großen Mehrwert davon, wenn du international spielst. Aber für uns geht es darum, die Basketball-Kultur in Hamburg weiter aufzubauen. Wir haben hier in Hamburg mit dem HSV und St. Pauli zwei riesige Fußball-Marken. Dann gibt es mit dem HSV Hamburg auch noch eine erfolgreiche Handballmarke. Überhaupt bietet die Stadt Hamburg sehr viele Freizeitangebote, gegen die wir uns als Towers behaupten müssen. Dafür brauchen wir ein außergewöhnliches Produkt. Der EuroCup hilft dabei.
Aber wirtschaftlich ist das kein großer Gewinnbringer?
Es geht uns nicht darum, mit dem EuroCup einen großen Gewinn zu machen. Aber wir wollen natürlich auch keinen Verlust machen. In diesem Punkt sind wir auf einem guten Weg.

Eine besondere Personalie bei den Towers ist Kur Kuath. Er wuchs sehr arm auf, flüchtete mit seiner Familie vor dem Krieg im Sudan, spielte später am College in den USA und gelangte über Griechenland und Spanien nach Hamburg. Wie bewerten Sie seine Entwicklung?
Seine Entwicklung war rasant. Er kommt aus der zweiten Liga in Spanien und hatte eine gute Saison gespielt. Dass er es aber schafft, sich auch physisch im EuroCup sofort zu behaupten, war nicht unbedingt zu erwarten. Er wird in jedem Training und in jedem Spiel besser. Er hat die richtige Einstellung. Ich glaube, für ihn wäre es gut, weiter auf diesem Niveau zu spielen und nicht bereits jetzt den nächsten Schritt zu machen. Darüber werden wir gemeinsam sprechen.
Er hat einen Vertrag bis zum Jahre 2026, träumt aber von der NBA. Trauen Sie ihm das zu?
Auf jeden Fall. Jeder, der in der Bundesliga ein Unterschiedsspieler ist, möchte gerne weiterkommen. Er ist noch sehr, sehr jung und kann sich weiterentwickeln. Könnte er bereits heute in der NBA spielen? Ich glaube nicht. Hat er das Talent, um später in der NBA zu spielen? Ja, wenn er weiter an seinem Spiel und seinem Entscheidungsverhalten arbeitet, ist das möglich. Die Athletik hat er auf jeden Fall. Es gibt sicherlich ein, zwei NBA-Spieler, die nicht so gut sind wie Kur.
Es kam auch bei den Towers über die Jahre immer wieder vor, dass man sich vorzeitig von einem Spieler trennte - zuletzt von Keondre Kennedy. Sind solche "Missverständnisse" unvermeidbar, wenn man eine Mannschaft mit Spielern von überall in der Welt zusammenstellt?
Ja, das ist die Kehrseite der Medaille. Wir versuchen natürlich, gut mit den Spielern zu arbeiten. Aber manchmal machen auch wir bei den Verpflichtungen einen Fehler. Nicht, weil das schlechte Spieler oder Menschen sind - im Gegenteil. Ich würde Keondre Kennedy sofort morgen zum Kaffee und Kuchen einladen. Aber manchmal passt es einfach sportlich nicht. Das ist für beide Seiten natürlich blöd.

Die Kapazität der Inselpark Arena ist mit 3.400 Zuschauern sehr begrenzt. Am 20. April findet in der Barclays Arena das Spiel gegen den FC Bayern München statt. Wäre es eine Überlegung, für Highlight-Spiele häufiger in die große Arena zu ziehen? Oder besteht weiterhin die Hoffnung, dass es bald den erhofften Elbome mit 7.000 bis 9.000 Plätzen geben wird?
Der Elbdome wird kommen - früher oder später. Das Grundstück haben wir bereits. Wir sind guter Dinge, im Herbst mit der Stadt die nächsten Schritte zu gehen. Aber wenn man bedenkt, wie schwierig es bereits ist, Wohnungen zu bauen, kann man sich ja denken, wie kompliziert der Bau einer Arena ist. Klar ist: Für uns ist der Schritt in eine größere Arena notwendig, um in der Bundesliga nachhaltig unter die Top-6 zu kommen. Nur dann könnten wir den Kader in der Breite so gut aufstellen, dass wir auch ein Verletzungspech wie in dieser Saison kompensieren können.
Warum spielen Sie nicht öfter in der Barclays Arena, bis die neue Halle existiert?
Spiele in der Barclays Arena sind eine tolle Sache. Allerdings können wir nicht von heute auf morgen entscheiden, dass wir dort spielen. Teilweise muss man so etwas Jahre im Voraus in die Wege leiten. Das ist sehr schwierig zu organisieren.
Die Nachwuchsabteilung der Towers hat mehrere Top-Spieler wie Ismet Akpinar, Louis Olinde oder Justus Hollatz hervorgebracht, die den Verein allerdings früh verließen. Wie frustrierend ist das?
Ein, zwei Tage ist das sehr frustrierend. Ich kannte diese Spieler, seitdem sie 12 oder 13 Jahre alt sind. Trotzdem ist es immer ein Erfolg, wenn man solche Top-Spieler ausbildet. Wir haben auch jetzt einige junge Talente, die unbedingt Profis werden möchten. Wir bieten gute Voraussetzungen dafür. Und wir sind auch stolz darauf, ein Ausbildungsverein zu sein. Ich wäre enttäuscht, wenn wir nicht auch in den nächsten Jahren Spieler ausbilden würden, die für andere Vereine interessant sind. Es ist normal, dass dann auch der eine oder andere Spieler geht. Und wer weiß: Vielleicht spielen sie ja irgendwann wieder für die Towers. Wir Hamburger lieben unsere Stadt und kommen gerne zurück.

Wie schätzen Sie die Bundesliga im internationalen Vergleich ein?
Ich denke, wir sind in der Organisation und Struktur eine Top-Liga. Wir bekommen viele Menschen in die Halle. Das Produkt ist stabil. Es gab schon lange keine Mannschaft mehr, die insolvent ging. Sportlich gibt es natürlich einige Länder, die vor uns sind. Und das nicht, weil die mehr Ahnung vom Basketball haben, sondern weil die finanziellen Voraussetzungen einfach anders sind.
Inwiefern?
Wir müssen aufgrund des Steuersystems deutlich mehr brutto zahlen, um den Spielern ein bestimmtes Nettogehalt zu bieten. Wenn wir einem Spieler 100.000 Euro netto zahlen möchten, kostet uns das etwa 270.000 Euro. Möchte ein Verein in Griechenland 100.000 Euro netto zahlen, kostet die das wahrscheinlich etwa 120.000 Euro. Die Qualität wandert dadurch aus Deutschland ab. Klubs aus dem Ausland bedienen sich aus der Bundesliga. Das Problem haben nicht nur wir. Das Problem hat sogar Bayern München.
Und auch Vereine in vielen anderen Sportarten…
Genau, sogar die deutschen Fußballvereine haben dieses Problem - hier vielleicht mit Ausnahme von Bayern München. Es ist für alle deutschen Vereine in allen Sportarten schwer, europäisch konkurrenzfähig zu sein. Sport hat bei uns nämlich nicht den gleichen Stellenwert wie in Italien, der Türkei oder Griechenland. Das ist sehr schade, weil Sport für den gesellschaftlichen Zusammenhalt eine große Bedeutung hat. Und der Profisport ist wichtig, weil er Vorbilder schafft und dadurch Leute in den Breitensport bringt. Ich würde mir wünschen, dass der Sport einen höheren Stellenwert in Deutschland hat, sodass wir in Europa konkurrenzfähiger sein können.
Interview: Oliver Jensen