vor 13 Stunden
Overreactions zum Saisonstart
Es ist zwar gerade einmal etwas mehr als eine Woche in der NBA gespielt, jedoch gibt es zahlreiche Themen, die als Überreaktion gesehen werden können. Ob diese die Saison über Bestand haben?

Gut eine Woche ist gespielt in der neuen Saison. Zeit, überzureagieren. Was hat es mit all den Verletzungen auf sich? Braucht OKC jetzt einen ganz großen Trade? Was ist los bei Giannis Antetokounmpo und den Heat - und weshalb sind die Rockets plötzlich womöglich Contender? Vier Überreaktionen zu gut einer Woche NBA 2026/27.
68 Spiele sind gespielt. Mitte April werden es 1.230 sein, danach folgen die Playoffs. Eigentlich sollte alles noch relativ ruhig dahin gleiten. Spieler sollten sich in die Saison spielen, erste Highlights produzieren; Teams sollten zusammenfinden. Stattdessen:
| Spieler | Verletzung | Ausfallzeit |
|---|---|---|
| Jalen Williams | Wadenbeinbruch und ausgerenkter Knöchel | Saisonaus |
| Cason Wallace | Schulter-OP | mehrere Monate |
| Anthony Edwards | Knie-Op | mindestens zwei Monate |
| Kawhi Leonard | Knieprobleme | mindestens eine Woche |
| Jaren Jackson Jr. | Bänderriss im Knie | sechs bis acht Wochen |
| Ivica Zubac | Knöchel | Rückkehr offen |
| Cameron Johnson | Knöchel | Rückkehr demnächst |
| Jalen Duren | Zerrung im hinteren Oberschenkel | mindestens zwei Wochen |
| Paolo Banchero | Verstauchter Knöchel | mindestens sechs Wochen |
| Jalen Suggs | Knochenstauchung im Knie | mindestens zwei Wochen |
| Alperen Sengün | Rücken | Rückkehr bald |
| Tyrese Haliburton | hinterer Oberschenkel | mehrere Wochen |
Nur ein paar prominente Beispiele. Insgesamt ist nach der ersten Woche knapp ein Fünftel der Liga verletzt. Eine solche Anhäufung ist natürlich nicht nur maximal bitter für Teams, Spieler, aber auch Fans und Liga, sie hat auch etwas Willkürliches - gleichzeitig aber vielleicht doch einen tieferen Grund. Die Menge an den Spielen kann es noch nicht sein. Womöglich aber das Spiel an sich.

Die Sample-Size ist natürlich minimal, gleichzeitig scheint sich der Trend zur Höchstgeschwindigkeit fortzusetzen. Die Bulls legen derzeit eine Pace von 107,4 auf. In den vergangenen beiden Jahren lagen die schnellsten Teams bei rund 103. 2022/23 spielten die Warriors mit 102,54 am schnellsten, im Jahr zuvor die Grizzlies mit 101,47. Bislang legen elf Teams eine Pace von mindestens 103 auf.
Dass es nach gut einer Woche die meisten Possessions pro Spiel, dabei die kürzeste durchschnittliche Ballbesitzzeit gibt, unterstreicht die Tendenz. Wie gesagt, die Beweislast ist dünn. Gleichzeitig scheint sie einen Trend zu unterstreichen, der die Körper der Spieler massiv belasten könnte. Zumal es ja nicht nur die Geschwindigkeit ist.
Immer mehr Coaches entdecken das Mittel des Hochdrucks für sich. Heißt: Offenses attackieren ungnädig die Zone, wann immer sie können. Gibt die Defense nicht nach, folgt der Pass nach draußen und direkt darauf der nächste Zug Richtung Ring. Auch um dem entgegenzutreten, nehmen Defenses ihre Gegenspieler so früh auf wie noch nie, während es gleichzeitig in der Tracking Ära noch nie so viele Spielzüge gab, nach denen mindestens drei Offensivspieler den Offensivrebound zu holen versuchten.
Nebenbei warten überall Schützen, die das Feld breit machen und Verteidiger größere Distanzen zurücklegen lassen, um sowohl Perimeter als auch Zone und Ring zu verteidigen. All das passiert häufig in Höchstgeschwindigkeit; was einerseits den Körper fordert, andererseits Kollisionen und ungünstige Landungen begünstigt.
Es muss nicht sein. Womöglich ist das Spiel aber so athletisch geworden, dass es die Besten von Anfang an massiver Last aussetzt, der sie immer häufig nachgeben müssen. Gerade, wenn sie fast alle zwei Nächte spielen müssen. Womit auch der Spielplan wieder in der Verlosung wäre.
Die große Lösung gibt es noch nicht. Die Büchse der Pandora ist fürs Erste geöffnet. Dass Teams plötzlich wieder langsamer spielen, ist angesichts des Erfolgs eher unwahrscheinlich. Ebenso, dass die Liga plötzlich doch weniger spielen lässt und Teams nur drei Partien pro Woche zuteilt. Mit Glück handelt es sich gerade nur um eine Anomalie mit Hang zum Extrem. Die Verletzungsentwicklung der letzten Jahre - zwischen 2005 und vergangener Saison verdoppelte sich die Anzahl verletzungsbedingt verpasster Spiele, während auch die Menge schwerer Verletzungen anstieg - gibt jedoch Anlass, zumindest zu überlegen, was sich ändern ließe.
Groß und gemein waren die Houston Rockets schon immer. Auf nahezu jeder Position sind die länger als die Norm. Mit Amen Thompson haben sie einen Ausnahmeathleten, der sowohl höchst unangenehm verteidigen kann - nachzufragen bei Victor W. aus SA - als auch offensiv bei Hochgeschwindigkeit noch gute Lösungen findet. Dazu kommt Kevin Durant, einer der besten Scorer der Geschichte, und Alperen Sengün, ein physischer Big mit viel Gefühl für Spiel und Ball.
Das brachte den Rockets vergangene Saison 52 Siege, am Ende aber gar nichts. Denn zwei Dinge fehlten. Zunächst war da der Point Guard. Fred VanVleets Kreuzbandriss beraubte die Rockets ihrer ordnenden Hand. Thompson musste einspringen, ist als Chaos-Agent aber weniger prädestiniert, Ruhe in ein Spiel zu bekommen. Blieb als einziger "echter" Kleiner Reed Sheppard, der im zweiten Jahr einen Sprung machte, aber nicht immer das Vertrauen von Coach Ime Udoka bekam.

Nun ist nicht nur VanVleet zurück, mit Marcus Smart holten die Rockets einen weiteren Guard - und der positive Effekt ist spürbar. Allein VanVleets Präsenz gibt dem Team mehr Balance. Thompson kommt wieder mehr aus der Bewegung, kann seine Passfähigkeiten aus dem Cut heraus besser nutzen. Alles wirkt strukturierter. Und pausieren der Point Guard und auch Smart wie zuletzt gegen die Hawks, übernimmt Sheppard, der über den Sommer Masse aufbaute.
Problem Nummer zwei konnte jedoch kein Point Guard allein lösen. Houstons Offense war, sagen wir, uninspiriert. Viel KD, viel Hoffnung auf den Offensivrebound nach Fehlwurf. Wenig Bewegung. Wenig Innovation. Zum Start fliegen die Rockets um Blöcke abseits des Balls, cutten zum Korb, bringen Defenses in Bewegung. Sengün darf rund um die Freiwurflinie immer wieder seine Passfähigkeiten nutzen - oder unter dem Korb seine Masse einsetzen, um auch gegen die Größten direkt am Ring abzuschließen (ebenfalls nachzufragen bei Victor W. aus SA).
Durant kann weiter werfen, muss aber weniger, was sowohl den Ausrechenbarkeitsfaktor als auch die Last auf einen 38-Jährigen reduziert. Plötzlich sind die Rockets nicht mehr "nur" groß und gemein, sie scheinen auch einen neuen Plan zu haben, der ihre Vorteile weitaus besser maximiert als im vergangenen Jahr; und vielleicht besteht der Westen, gerade nach Jalen Williams’ und Cason Wallace’ Verletzungen, nicht mehr "nur" aus zwei absoluten Favoriten.
Panik verbreitet Giannis Antetokounmpo noch nicht. Es sei ja nicht sein erstes Rodeo, sagte er kürzlich sinngemäß. Gleichzeitig verläuft des Griechen Start am Südstrand alles andere als vielversprechend. Dass man sich würde anpassen müssen, war abzusehen. Dass der Weg trotz des nun ersten Sieges zum Saisonstart so weit sein würde, eher weniger.
Kaum ein GM würde sein Team auf ein Fundament aus Giannis’ und Bam Adebayos’ offensiven Vorlieben bauen. Die Miami Heat taten es, weil letzterer ein hervorragender Basketballer ist und ihre Franchise über die vergangenen Jahre prägte, und weil ersterer nicht nur verfügbar wurde, sondern unbedingt zu ihnen kommen wollte. Gelegenheiten.
Über die ersten Spiele versteckte sich der Plan, wie beide zusammen funktionieren sollen, allerdings noch sehr schüchtern. Giannis veranstaltet Giannis-Dinge: Er zieht in die Zone, lässt Defenses dabei gnadenlos stehen. Und Bam? Bam stand häufig etwas verloren, hatte seine Rolle noch nicht gefunden. 11,3 Würfe nahm Adebayo vor dem Sieg in Atlanta im Schnitt, so wenige wie 2019/20 nicht mehr.

Nun befand sich der Big trotz seiner 83 Punkte vergangene Saison noch nie im Verdächtigenkreis ausgewiesener Volume-Scorer. Zum Start wirkte vieles jedoch unbeholfen. Auch, weil der Rest von Miamis Offense noch nicht wirklich funktioniert. Davion Mitchell startete gut, ansonsten mangelt es den Heat massiv an Shooting. Auch von Klay Thompson, der bislang 12 seiner 37 Dreier traf, sich auch nicht mehr so schnell um Blöcke bewegt wie damals neben Steph Curry und so noch nicht das Spacing liefert, das sich Miami erhofft.
Verkomplizierend hinzu kommt, dass Thompson defensiv permanent attackiert wird. Theoretisch könnten die Heat das kompensieren. Praktisch verteidigt auch Andrew Wiggins längst nicht auf dem Niveau vergangener Tage; und selbst Giannis hilft der Defense derzeit eher weniger.
Kann er das angesichts seiner Offensivlast noch einmal drehen? Nachdem er auch zuletzt in Milwaukee nicht mehr auf All-Defensive-Niveau verteidigte? Miami hat viel Arbeit vor sich. Derzeit scheint es, als habe Antetokounmpo eine komplizierte Situation gegen eine andere eingetauscht, zu der er selbst beiträgt. Über die ersten fünf Spiele verloren die Heat ihre Minuten mit dem Finals MVP von 2021.
Bis Sonntagabend Ortszeit sahen die Oklahoma City Thunder wie das Überteam der Saison aus. Lu Dorts und Aaron Wiggins’ Abgänge hatten sie kompensiert, ohne Tiefe einzubüßen, mit Aday Mara einen versierten Sevenfooter dazubekommen, der verteidigen und rebounden kann, zudem ein Gefühl für das Spiel besitzt. Es wirkte unfair - bis wirklich Unfaires passierte.
Im Spiel gegen die Clippers verletzten sich Jalen Williams und Cason Wallace so schwer, dass beide in dieser Saison wohl kein Spiel mehr machen dürften (wobei bei Wallace eine kleine Chance bleibt). Tschüß, Tiefe. Gegen Phoenix starteten dann Jared McCain und Ajay Mitchell, die eigentlich vorgesehen waren, um Defenses von der Bank mit Drives und Dreiern zu terrorisieren.

Noch komplizierter: Beide sind eher Guards. Wie auch Shai Gilgeous-Alexander und Rookie Bennett Stirtz, dessen Spielzeit nach den Verletzungen ordentlich kletterte. Alex Caruso pendelt irgendwo dazwischen. Chet Holmgren, gerade ebenfalls angeschlagen pausierend, Isaiah Hartenstein und Jaylin Williams besetzen die großen Positionen. Und plötzlich klafft auf dem Flügel ein Loch. Doch nicht nur da.
Wallace und Williams übernahmen gern Ballführende, um ganz schnell ganz viel Druck auf sie aufzubauen. Dieses Element bringt nun vor allem Caruso, der für die Playoffs jedoch so wertvoll ist, dass er während der Regular Season bloß nicht zu viel spielen soll.
Eventuell öffnet Sam Presti daher tatsächlich die Pick-Schatulle. Wenn auch nicht zu exzessiv. Als First-Apron-Team können die Thunder nicht mehr Geld aufnehmen als sie in einem Trade versenden. Gleichzeitig besitzen sie kaum mittelgroße Verträge, um das Gehalt eines namhafteren Wing wie Trey Murphy zu matchen.
Vielleicht kombiniert Presti daher Rookie-Deals und kleinere Verträge mit Picks, um noch etwas Verstärkung für den Flügel oder die Defense am Ball zu bekommen. Ein Trade wie vergangene Saison für McCain könnte bereits genügen. Denn auch so bleibt OKC trotz der ersten Saisonniederlage gut genug, um ernsthaft um den Titel mitzuspielen. Den ganz großen Deal, womöglich sogar um J-Dub, braucht es dagegen nicht.
Max Marbeiter