03.02.2026
Charlotte ist kaum wiederzuerkennen
Seit rund anderthalb Monaten zählt ein Team zu den heißesten der Liga, das eigentlich seit Jahren im Keller zuhause ist: die Charlotte Hornets. Was steckt hinter dem Höhenflug des Teams von LaMelo Ball - und wie haltbar sind seine Leistungen?

Die Welt im März 2016 war eine andere. Barack Obama befand sich in seinem letzten Jahr im Weißen Haus, um die Nachfolge duellierten sich bereits Hillary Clinton und ein Reality-TV-Star. Im Kino liefen "Zoomania", "Batman vs. Superman - Dawn of Justice" und "Der geilste Tag". In den Charts fand sich weit oben das jüngste Studioalbum von Rihanna. Und das (bisher) letzte.
In diesem Monat ereignete sich außerdem noch etwas, das seither fast eine Dekade lang keine Wiederholung fand. Die Charlotte Hornets reihten sieben Siege aneinander, ein Kraftakt auf dem Weg, sich in eine gute Position für die Playoffs zu bringen. Die danach tatsächlich erreicht wurden - was in der Folge wiederum nicht mehr wiederholt wurde.
Es gibt wieder Hoffnung in Charlotte. Vielleicht also auch für Rihanna-Fans?! Vor allem aber in Charlotte; es tut sich (endlich mal wieder) etwas bei den Hornets, und das ist nicht bloß durch eine Lücke im Spielplan oder Glück zu erklären. Auch sind es nicht bloß die nun sieben Spiele, in denen Charlotte auf einmal wirkt wie ausgewechselt.
Es ist ein längerer Zeitraum; der Saisonstart wurde zwar in traditioneller Manier vergeigt (7-18), seit Mitte Dezember jedoch gehören die Hornets zu den besten Teams der Liga. Ja, wirklich. Was ist denn hier los?

Zunächst einmal lohnt sich ein Blick zurück auf den Start dieser Spielzeit. Dieser verlief im Prinzip sehr ähnlich wie in den vorangegangenen Jahren: Eine gewisse Hoffnung begleitete das Team, ein gewisses Talent wurde universell anerkannt, in Aktion sehen konnte man jedoch recht schnell sehr wenig davon.
Erst verletzte sich Brandon Miller, der schon in seinem Sophomore-Jahr 55 Spiele verpasst hatte. Ein paar Spiele später begann die erste Zwangspause von LaMelo Ball, von denen es seit Jahren schon viel zu viele gab. Was erneut Stimmen weckte, die darüber spekulierten, ob Charlotte dieses Experiment nicht so langsam beenden sollte, selbst wenn es dafür bloß einen so nichtigen Gegenwert gäbe wie das Paket, das Trae Young den Hawks einbrachte.
Diesmal gab es zwar in der Zwischenzeit Grund zur Freude. Kon Knueppel fiel als Nr.4-Pick bisher quasi gar nicht aus und übertraf alle Erwartungen - gelinde gesagt legte der Wing von Tag 1 an eine der besten Rookie-Shooting-Saisons der NBA-Geschichte hin und hat bisher noch immer nicht damit aufgehört (18,7 PPG, 48/42/89-Splits).
Die Ergebnisse waren jedoch die, die aus den letzten drei Jahren bekannt waren, in denen Charlotte nacheinander 27, 21 und 19 Spiele gewinnen konnte. Zum spaßigen League-Pass-Team taugten die Hornets an ihren guten Tagen. Zu viel mehr scheinbar jedoch abermals nicht. Bis sich auch dies auf einen Schlag änderte.
Seit Mitte Dezember sind die Hornets für ihre Verhältnisse gesund, in der Regel standen ihre vier wichtigsten Akteure (Ball, Knueppel, Miller, Miles Bridges) seither zur Verfügung. Mit diesem Quartett auf dem Court steht Charlotte bei einer 19-9-Bilanz. Und seitdem Head Coach Charles Lee Moussa Diabaté neben dem Quartett starten lässt, läuft es sogar noch besser (13-1!).
Allein in den vergangenen Wochen haben es die Hornets fertiggebracht, Auswärtsspiele in Oklahoma City (!), Denver und bei den Lakers zu gewinnen. Über die Saison haben sie bereits sechs Spiele mit wenigstens 25 Punkten Unterschied für sich entschieden, als Krönung eins mit +55 (!) in Utah.
Auch wegen dieser Blowouts beträgt ihr Net-Rating seit Mitte Dezember Cleaning the Glass zufolge +7,9 - der drittbeste Wert der Liga. Was ihre tatsächliche Qualität etwas überschreitet. Was andererseits aber auch Hoffnung macht; ein so hoher Wert kommt nicht komplett zufällig zustande, zumal es mittlerweile um mehr als ein Viertel der Saison geht. Die Hornets scheinen tatsächlich einiges richtig zu machen.
Ins Auge springt zuallererst die Offense, in diesem Zeitraum die zweitbeste der Liga. Die kurioserweise zustande kommt, obwohl die Hornets sehr oft den Ball verlieren und selten am Ring abschließen; dafür werfen und treffen sie die zweitmeisten Dreier der NBA. Was angesichts des Personals auch nicht direkt verwundern kann.
LaMelo ist der kreativste und wichtigste Playmaker des Teams; was die eigenen Abschlüsse angeht, sind seit Jahren mehr als die Hälfte Distanzwürfe, die allermeisten Pullups (gerne einbeinig, rückwärts oder seitwärts fallend - es ist LaMelo!). Knueppel ist nur am Ring NICHT herausragend effizient. Miller ist zwar ein großer Wing, greift aber ebenfalls seit Jahren lieber zum Jumper als zum physischen Drive.
Die Hornets sind generell nicht das physischste Team, nutzen dafür aber ihr überbordendes Shooting-Talent und verfügen über besseres Spacing als nahezu all ihre Konkurrenten, indem sie beispielsweise Knueppel auch häufig als Screener einsetzen und so dessen Shooting-Gravity nutzen. Sie teilen den Ball bereitwillig, bewegen sich smart und sind in der Regel in fast jeder Possession dazu in der Lage, einen soliden Wurf (oder ein LaMelo-Ding) herauszuspielen.

Bridges und Diabaté bringen derweil die Power und die athletische Komponente mit. Zum Teil als Screener, zum Teil als Finisher, gerade Diabaté auch als Offensiv-Rebounder. Genau wie seine Backups Ryan Kalbrenner und PJ Hall ackert der Center unermüdlich für zweite Chancen, von denen die Hornets die zweitmeisten der Liga bekommen, übertroffen bloß von den Rockets.
Was einigermaßen schockierend ist, vergleicht man die Länge der Texaner mit den eher kompakten Hornets, wo Diabaté mit 2,08 m der größte Starter ist. Auf der anderen Seite zeigen die Hornets und insbesondere der Franzose, wie viel sich durch puren Einsatz manchmal kompensieren lässt. Etwa gegen die Spurs, als er das Spiel auf seine Weise stärker beeinflusste als Landsmann Victor Wembanyama.
Ob das offensive Level in dieser Form haltbar ist? Unklar, zumal so viel davon gerade durch das starke Shooting getragen wird. Auf der anderen Seite wäre es nicht das erste Mal, dass LaMelo - wenn gesund - eine starke Offense verantwortet (als 20-Jähriger führte er die Hornets 21/22 zur sechstbesten Offense der Liga). Und so viel (Shooting-)Talent wie mit Knueppel und Miller, zwei Top-4-Picks, hatte er dabei noch nie an seiner Seite stehen.
Hinter der Defense steht derzeit das größere Fragezeichen. Obwohl das Talent im Team der Reputation nach klar Richtung "Angriff" tendiert, legen die Hornets auch in dieser Hinsicht seit Mitte Dezember einen Top-10-Wert auf. Ohne elitäre Länge, ohne elitäre individuelle Defense auf dem Flügel.
Auch hier spielt der Einsatz eine Rolle. Die Hornets arbeiten als Team diszipliniert zusammen und sind in der Lage, innerhalb von Spielen unterschiedliche Coverages einzusetzen. Sie nutzen recht erfolgreich Zonenverteidigungen, können innerhalb ihrer durchgängig ähnlich großen Starting Five alles switchen, bringen mit Spielern wie Sion James oder Grant Williams auch einige Hustler von der Bank.
Auch am eigenen Brett rebounden sie gut, erlauben nicht viele von den zweiten Chancen, die offensiv so wichtig für sie sind. Bereits elfmal haben sie es nun geschafft, das gegnerische Team bei weniger als 100 Punkten zu halten. Das ist ein nicht zu unterschätzender Fortschritt für ein Team, das defensiv im Vorjahr Platz 24 in der Liga belegte.
Gleichzeitig muss auch das Thema Shooting Luck zumindest erwähnt werden. Während ihrer erfolgreichen Serie erlauben die Hornets die sechstmeisten Dreier der Liga, ihre Gegner treffen diese aber schaurig, mit bloß 34,4%. Es wird sich zeigen, ob das in der weiteren Saison haltbar sein wird. Die Vergangenheit in der NBA (und in Charlotte) spricht eigentlich eher dagegen.

Grundsätzlich ist noch nicht absehbar, wohin die Reise dieses Teams führt. Die Play-In-Ränge sind trotz des miesen Saisonstarts wieder absolut in Reichweite; sollten sie mit dem derzeitigen Niveau weitermachen, ginge vielleicht sogar auch mehr. Wobei solche Überlegungen vorerst wahrscheinlich nebensächlich bleiben sollten.
Was die derzeitige Phase bringt oder gebracht hat, ist vor allem eins: die Erkenntnis, dass es einen Blueprint gibt. Dass die Kombination aus insbesondere Ball, Knueppel und Miller funktionieren kann, wenn die Gesundheit mitspielt. Dass es sich lohnen könnte, um dieses Trio weiter aufzubauen. Und dass es sich eigentlich verbieten sollte, LaMelo, der bei aller Knueppel-Euphorie Charlottes größter Unterschiedsspieler bleibt, in Trae-Young-Manier zu dumpen.
All das ist wertvoll, selbst wenn Stand jetzt niemand wissen kann, wie es mit der Haltbarkeit dieses Höhenflugs aussieht. Für die Hornets-Franchise an sich ist es bereits ein großer Erfolg, dass über ihre Zukunft überhaupt mal wieder in solcher Manier diskutiert werden kann. Es liegt noch deutlich länger als Rihannas letztes Album zurück, dass dies zuletzt der Fall war.
Ole Frerks