24.01.2025
Bayern im Playoff-Rennen, Berlin erneut abgeschlagen
Der Kalender schrieb den 19. Juni 2022, als ALBA Berlin um Führungsspieler Luke Sikma zum dritten Mal in Serie die Meistertrophäe gen Hallendach stemmten - pikanterweise zum dritten Mal in Folge gen Hallendach des Audi Dome (heute: BMW Park), dem Wohnzimmer des Rivalen Bayern München.

Bis heute sollte es aber die letzte Titelfeier der Hauptstädter sein, die nach komplizierten 2010er-Jahren ohne Meistertitel überraschend wie abrupt ab 2020 wieder den deutschen Basketball bestimmten und zuletzt fast ähnlich abrupt die Spitzenposition erneut abgaben. Wenn die Berliner am heutigen Freitagabend (ab 19:30 Uhr bei MagentaSport) in der EuroLeague die Basketballer des FC Bayern München empfangen, stellt sich die Ausgangslage aus der Sicht der Hauptstädter vergleichsweise trist dar.
Während der Rivale an der BBL-Tabellenspitze thront und in der EuroLeague trotz einer jüngsten Schwächephase immer noch auf Platz zehn und nur einen Sieg hinter Platz drei rangiert, steht Berlin trotz zuletzt drei Siegen in Serie in der BBL nur auf Rang zwölf. In der EL belegen die Berliner in der zweiten Saison in Folge recht abgeschlagen den letzten Platz. Doch warum wendete sich das Blatt im Gipfeltreffen des deutschen Basketballs so rasch wieder? Im Folgenden werden Faktoren beleuchtet.
Zunächst gilt es zu konstatieren, dass Berlins Serientitel als Meisterwerk der Verantwortlichen um Geschäftsführer Marco Baldi, Sportdirektor Himar Ojeda, Schlüsselfigur Luke Sikma, Coach Israel González sowie in den Ursprüngen Trainerlegende Aíto Reneses gelten kann. Bayerns Basketballer kehrten erst 2011 nach mehreren Jahrzehnten in die BBL zurück und investierten stetig mehr. Im Bundesanzeiger stand für die Isarstädter schon in Berlins Meistersaisons von 2019 bis 2022 ein Rohergebnis von rund 24 bis 25 Millionen zu Buche. Die BILD geht aktuell von einem Münchener Etat von mindestens 30 Millionen Euro aus. Der Gesamtetat von ALBA Berlin für die laufende Saison wurde durch die BBL offiziell bekannt gegeben und liegt demnach bei rund 14,7 Millionen. Schätzungen von verschiedenen Medien bezifferten den ALBA-Etat in den Vorjahren schon nie höher als diesen Betrag.
| Datum | Heim | Auswärts | Ergebnis |
|---|---|---|---|
| 05.01.25 | Berlin | München | 88:81 |
| 14.11.24 | München | Berlin | 115:86 |
| 14.06.24 | Berlin | München | 82:88 |
| 12.06.24 | Berlin | München | 63:67 |
| 10.06.24 | München | Berlin | 70:79 |
Dass ALBA Berlin trotz finanzieller Nachteile auf nationaler Ebene (in der EuroLeague nur 2019/2020) zeitweise konstant vor Bayern rangierte, fand den Ursprung in der Verpflichtung der spanischen Trainerlegende Alejandro Reneses, genannt 'Aíto', im Sommer 2017. Berlin wurde zuvor zuletzt 2008 deutscher Meister und schied vor Aítos Ankunft zweimal im Viertelfinale der BBL-Playoffs aus. Der Spanier, der einst unter anderem Ricky Rubio als Teenager in Badalonas EuroCup-Rotation aufnahm, installierte einen einzigartigen Spielstil mit viel Ballbewegung, in dem junge Spieler große Rollen einnahmen.
Vor allem Luke Sikma sowie zeitweise Peyton Siva und Niels Giffey spielten als Anführer auf und abseits des Feldes eine integrale Rolle. Berlin stand folglich von der Saison 2017/18 bis zur Spielzeit 2021/22 in jedem nationalen Finale und wurde 2019 EuroCup-Vizesieger. Nach Aítos Abgang im Sommer 2021 nach zwei Meisterschaften führte Israel González, zuvor Assistenztrainer, die Arbeit mit einem weiteren 'Double'-Gewinn erfolgreich fort. Trotz der Hypothek, dass sich immer wieder Schlüsselspieler wie Marius Grigonis, Rokas Giedraitis, Martin Hermannsson und Simone Fontecchio zu europäischen Topteams verabschiedeten, gab es bis zum Sommer 2023 von Jahr zu Jahr eine gewisse Kontinuität im Kaderkern, der sich stets über das Kollektiv definierte. Bis heute spielt kaum ein Berliner viel mehr als 20 Minuten.
Schon vor dem Sommer 2023 kehrte in die wundersame Berliner Basketballwelt eine gewisse Toxizität ein: Am 21. Oktober 2022 sprach der frühere EL-Topstar Vasilije Micic bei EuroLeague TV nach der Partie mit Efes gegen Berlin dem Gegner aus der deutschen Hauptstadt ein Lob höchster Güteklasse aus: "Zunächst muss ich wirklich betonen, dass dieses Team etwas Großartiges für die EuroLeague ist. Jedem jungen Spieler so viel Vertrauen und Spielanteile zu geben, ist für mich einfach nur einmalig."
Die Albatrosse, die im Sommer 2022 mit Oscar da Silva nur einen wichtigen Spieler verloren, hatten Minuten zuvor die erste Niederlage nach einem Traumstart von drei Siegen eingesteckt. Kurioserweise folgte auf jene knappe 74:78-Niederlage beim damals amtierenden EL-Champion noch elf weitere. Auf den Höhepunkt einer märchenhaften Entwicklung folgte abrupt Krisenstimmung. In der BBL wurde in der Hauptrunde 2022/23 zwar nur dreimal verloren; doch es folgte das Aus in Playoff-Runde eins.
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Im Sommer 2023 zahlten die Hauptstädter zu allem Überfluss den Preis für ihre erfolgreiche Aufbauarbeit der Vorjahre. Sportdirektor Himar Ojeda musste sechs der neun effektivsten Spieler der EL-Saison 2022/23 ersetzen. Mit allen voran Jaleen Smith, Maodo Lô und Luke Sikma, der das Team in seiner letzten Saison nicht mehr konstant anführen konnte, verließen wesentliche Eckpfeiler die Mannschaft.
Seitdem gelang es Ojeda und Coach Israel González nicht, nachhaltig neue Eckpfeiler zu etablieren um einen in Teilen verjüngten Kader, der gegebenenfalls umso mehr Führung in der Kaderspitze bräuchte. Weltmeister Johannes Thiemann spielte eine herausragende Saison 2023/24, verließ den Klub aber im Sommer 2024 ebenfalls. Louis Olinde konnte seine vielversprechende Entwicklung auch wegen Verletzungen (26 der letzten 56 EL-Spiele verpasst) nicht fortsetzen. Trevion Williams, der im Sommer 2024 als Hoffnungsträger kam und damals selbst sein Spiel in der Berliner Pressemitteilung mit dem von Luke Sikma verglich, wurde seiner Führungsrolle nicht nachhaltig gerecht und spielt nun für Maccabi Tel Aviv.
In wichtigen Kaderteilen setzt Berlin seit dem Sommer 2022 verstärkt auf noch jüngere Spieler. Senkrechtstarter der Vergangenheit wie Grigonis (wurde im Jahr seines Debüts für Berlin 23 Jahre alt), Giedraitis (26), Hermannsson (24), Fontecchio (25) oder auch Smith (27), Lô (28) und Blatt (24) waren schon deutlich älter oder erfahrener als die in jüngerer Vergangenheit verpflichteten Ziga Samar (22), Gabriele Procida und Matteo Spagnolo (je 20 beim ALBA-Debüt).
In den Anfängen der 'Aíto-Ära' profitierten Grigonis, Giedraitis, Hermannsson sowie die Eigengewächse Tim Schneider und Jonas Mattisseck womöglich auch davon, dass Berlin bis 2019 nicht in der EL spielte, sondern im EuroCup, in dem das Heranführen jüngerer Spieler traditionell reibungsloser verläuft als in der EuroLeague, die von Routiniers und eingespielten Topteams geprägt ist. Zudem gibt es nicht viele Coaches wie Aíto, die den Spagat aus Talentförderung und Erfolg auf diesem Niveau bewerkstelligten.

Darüber hinaus war ein stabiler deutsche Kaderkern, der aufgrund der Sechs-plus-sechs-Quotenregel (im Zwölfer-Kader müssen sechs Spieler nach Statuten deutsch sein) in der BBL von Vorteil ist, in den Meistersaisons ein Berliner Prunkstück. Seit Sommer 2022 verloren die Hauptstädter nacheinander mit Maodo Lô, zuletzt Johannes Thiemann sowie den heutigen Münchenern Oscar da Silva und Niels Giffey, einstiger Berliner Kapitän, Hochkaräter. Aktuell kann sich die deutsche Achse im BBL-Vergleich weiterhin sehen lassen, jedoch macht sie nicht mehr den Unterschied im Meisterrennen. Aktuell gibt es im ALBA-Kader keinen Spieler, der bereits für Deutschland bei einem großen Turnier auflief.
Zwar verzeichnete Eigengewächs Malte Delow eine beeindruckende Entwicklung, und auch Yanni Wetzell konnte sich offensiv etwas etablieren; doch die Lücke, die nicht nur die deutschen Abgänge rissen, konnte nie nachhaltig gestopft werden. Der defensiv eher unbewegliche und wenig physische Wetzell brachte zudem die einst mit Ringbeschützern wie Ben Lammers und da Silva jahrelang stabile Defensive ins Wanken.
Währenddessen stockte Bayern qualitativ auf. Seit 2021 wurde die deutsche Rotation und generell der Kader verstärkt mit Andreas Obst (seit 2021 bei Bayern), Nick Weiler-Babb (seit 2020, aber seit 2022 Deutscher), Giffey (2022), da Silva und Johannes Voigtmann (je 2024). Sie alle waren Teil des deutschen Herrenteams bei den vergangenen Olympischen Spielen. Nun wurde mit Justus Hollatz noch ein weiterer Spieler der Weltmeister-Rotation verpflichtet. Auch Toptalent Ivan Kharchenkov, falls er dauerhaft in München bleibt, ist einiges zuzutrauen.
Festzuhalten bleibt, dass ALBA Berlin in den Erfolgsjahren nahezu das Maximum aus den Möglichkeiten herausholte. Selbst in den vergangenen BBL-Finals hätten die Albatrosse ohne Verletzungspech vielleicht erneut Meister werden können. Neben budgetären Faktoren sprechen auch administrative Themen dafür, dass es für die Berliner schwer wird, die Lücke zu Bayern wieder nachhaltig zu schließen.
Berlins Zukunft in der EL ist offen. Die Spreestädter spielen seit Jahren nur mit Wildcards - von 2021 bis 2023 zumindest mit einer zweijährigen Garantie - in der europäischen Königsklasse, während Bayern seit 2021 über eine dauerhafte EL-Lizenz verfügt und dadurch seitdem langfristiger planen kann. Zudem bereitet den Berlinern ein laut rbb24 teurer und 2026 auslaufender Mietvertrag mit dem Betreiber der Uber Arena Schmerzen. Bayern stellte derweil jüngst mit dem Einzug in den neu erbauten SAP Garden eine weitere wichtige Weiche für die Zukunft.
Geschäftsführer Marko Pesic ließ in einer Pressemitteilung im März 2024 verlauten: "Durch den SAP Garden werden wir noch attraktiver, beispielsweise für das Final Four der EuroLeague oder Europa- und Weltmeisterschaften. Ich bin sicher, dass wir München in den nächsten Jahren zum Drehkreuz im europäischen Basketball machen werden."
Grundsätzlich bleibt abzuwarten, wie sich der in Führungsebenen traditionell unruhige europäische Basketball entwickelt. Den Albatrossen, die mit zahlreichen sozialen Projekten und einem vorbildlichen Engagement im Frauenbasketball auf zahlreiche Standbeine setzen, ist es grundsätzlich zuzutrauen, ähnlich wie nach teils durchwachsenen 2010er-Jahren einen neuen Erfolgspfad für das BBL-Team zu finden.
Dieser ist nach außen aktuell allerdings noch undeutlich sichtbar und teils aufgrund der Vakanzen nur bedingt planbar. Am heutigen Freitag sind die Berliner erst einmal gewillt, durch einen vierten Sieg in Serie gegen ein deutsches Team eine komplizierte Saison in noch sicherere Fahrwasser zu hieven.
Lukas Feldhaus