25.02.2026
Wie schlimm steht es wirklich um die NBA?
Die NBA geht gegen Tanking vor. Weshalb, unterstreichen einige Zahlen und Trends der letzten Jahre. Zumal Teams ihr Vorhaben immer seltener verschleiern. Alles scheint möglich zu sein. Doch was ergibt Sinn? Interessante Vorschläge gibt es, auch ohne Draft abzuschaffen - obwohl keiner perfekt ist…

Adam Silver entgleist die Stimmung eigentlich nie. Als Sean Marks, General Manager der Brooklyn Nets, während eines Video Calls zwischen Liga und Teamverantwortlichen wissen wollte, ob die NBA die gerade aufgezeigten Maßnahmen gegen das Tanking schon für den kommenden Draft einführen würde, was unfair wäre, da sich diverse Front Offices eine Strategie zurecht gelegt hatten, die sich entlang der alten Regeln hangelte, wurde der Commissioner aber doch deutlich.
"Ich würde sagen", zitiert The Athletic Silver, an den sein Executive Vice President Evan Wash gerade das Wort weitergegeben hatten, "du solltest davon ausgehen, dass kommende Saison euer einziger Anreiz sein wird, Spiele zu gewinnen."
Tanking provoziert Silver. Nicht, weil es neu wäre. Seit es den Draft gibt, versuchen Teams ihre Chancen auf die ganz große Talentinjektion zu verbessern, indem sie womöglich etwas mehr verlieren als sie müssten. Auf der Wahrnehmungsebene scheinen sie jedoch immer dreister zu werden. Sie ertraden sich angeschlagene, hochdekorierte Spieler (Indiana, Washington), um danach von Verletzungen zu sprechen, die Trae Young, Anthony Davis und Ivica Zubac erst auskurieren müssen, die sie wahrscheinlich die gesamte Saison kosten werden. Der Gegenbeweis ist kaum zu erbringen.
Eingreifen konnte die Liga, als die Jazz im Spiel gegen die Heat vor dem letzten Viertel unter anderem Lauri Markkanen und Jaren Jackson Jr. herausnahmen und nicht mehr einsetzten. Für die NBA der Beweis, dass Utah absichtlich verlieren wollte. Ein unabhängiger Arzt bescheinigte den Pacers wiederum, dass Pascal Siakam sowie zwei weitere Starter auf der Verletztenliste standen, obwohl sie hätten spielen können. Auch Indiana erhielt eine Strafe. Gefühlt werden Teams immer unverschämter, versuchen, ihre Intention immer seltener zu verbergen.
In einer Zeit, in der immer noch ein Wettskandal über der NBA schwebt, in der noch nicht geklärt ist, ob die Clippers und Kawhi Leonard durch einen vermeintlichen Sponsorendeal den Salary Cap umgingen, in der das All-Star Game lange im Fokus stand, weil Spieler offensichtlich nicht die Motivation aufbringen konnten, die ein ansehnliches Basketballspiel benötigt, kann die NBA nicht einfach wegsehen. Zumal Zahlen das die Problematik unterstreichen.

Ein Blick auf die Bilanzen der Team der vergangenen Jahre illustriert einen Trend hin zum Tanking, sobald es nicht für ganz oben reicht. 2023/24 verloren sieben Teams mindestens 55 Spiele. In diesem Jahr könnten neun Mannschaften die 30-Siege-Hürde verpassen, fünf scheitern womöglich an den 20. Dazu kommt, dass Franchises wie die Bulls während der Saison die Aussichtslosigkeit ihrer Situation erkennen und zur Deadline komplett einreißen. Als Resultat steht für den Rest der Saison ein Team, das kaum noch in der Lage ist, Spiele zu gewinnen.
Nicht gewinnen wollen. Nicht mehr gewinnen können. Je mehr Teams sich einer der beiden Gruppen verschreiben, desto uninteressanter, schwächer, weniger aussagekräftig wird der Wettbewerb. Für das letzte Saisondrittel schielen zehn Teams bereits nur noch auf den Draft. Zu einer Zeit, in der sich alles in Richtung Playoffs aufbauschen sollte, verlieren einzelne Spiele, verliert damit der gesamte Wettbewerb an Wert. Die Liga sieht ihre Integrität bedroht und daher Handlungsbedarf.
"Die fundamentale Theorie hinter dem Draft", sagte Silver kürzlich, "ist, dass sich die schwächsten Teams neu aufstellen können, um danach wieder wettbewerbsfähig zu sein. Problematisch wird es, wenn Teams ihre Leistung manipulieren, um einen besseren Draft-Pick zu bekommen, selbst in einer Lottery. Dann stellt sich die Frage… sind sie wirklich die schwächsten Teams?" So oder so halten Liga und Commissioner die Tanking-Problematik für schlimmer als jemals zuvor. Man wolle daher "alle Register" ziehen, sagte Silver. Außer den ganz großen Hebel.
Der Draft soll wohl doch bleiben. Dabei entzöge seine Abschaffung Teams tatsächlich jegliche Motivation, schwach zu sein. Gleichzeitig bestünde die Möglichkeit, dass sich das Gleichgewicht noch stärker in Richtung der großen Märkte verschiebt. Vielleicht wären Teams auch auf andere Art schlecht. Womöglich setzten sie ihren Kader aus kleineren Gehältern zusammen, wenn Scouts vom nächsten Superstar berichten, um ihm einen großen Vertrag anbieten zu können. Sicher wäre eine Unterschrift natürlich nicht. Sicher ist ein Top-Pick jedoch auch in der Lottery nicht.
Was also tun? Teams die Möglichkeit zu untersagen, das wird laut ESPN-Insider Shams Charania diskutiert, in zwei aufeinanderfolgenden Drafts in den Top-4 auszuwählen, könnte mehrjähriges Tanking reduzieren. Interessant erscheint zudem ein Ansatz, der bislang nicht in größeren Diskussionen auftaucht: die Einführung einer Mindestanzahl an Siegen, um überhaupt eine Chance auf einen der ersten x Picks zu haben. Heißt: Teams müssen beispielsweise mindestens 25 Siege erreichen, wollen sie Aussichten auf ein Auswahlrecht zum Beispiel unter den ersten vier, vielleicht auch den ersten acht haben.
So müssten Teams so lange hart spielen, bis sie die Grenze überschreiten. Gleichzeitig bräuchte es Anreize, das mittelmäßige Mannschaften nicht plötzlich aufhören zu spielen, sobald sie die nötige Anzahl an Spielen gewonnen haben. Zu offensichtliche Fälle könnte die Liga klar sanktionieren. Die Lottery-Wahrscheinlichkeiten gleichzeitig komplett anzugleichen - laut Charania ebenfalls Teil der Diskussion - könnte helfen, da es nun egal wäre, ob Teams mit der schwächsten oder der besten Bilanz in die Lottery einziehen.
Dürfen zusätzlich alle Play-in-Teams - sprich, auch die, die am Ende in die Playoffs einziehen - teilnehmen, bestünde für solide Mannschaften weiter der Anreiz so gut wie möglich zu sein, um am Ende sowohl Playoff-Erfahrungen zu sammeln als auch Chancen auf eine gute Draft-Position zu haben.
Ein weiteres Mittel könnte sein, Pick-Protections, wie diskutiert, zwischen 4 und 14 zu untersagen. Da die Lottery nur die ersten drei Positionen bestimmt und Teams danach umgekehrt ihrer Bilanz draften dürfen, können sie derzeit relativ zielsicher tanken, um ihre Picks doch noch zu behalten, die sie Jahre zuvor eventuell wegtradeten. Teamverantwortliche halten zwar entgegen, dass das den freien Handel bei Trades einschränken würde. Gleichzeitig ist das eine Konsequenz rechtlicher Rahmen: Sie begrenzen gewisse Handlungen, da die individuell einen größeren Schaden für das Kollektiv anrichten.
John Hollinger von The Athletic bringt eine Zweiteilung der Saison ins Spiel. Nach rund zwei Dritteln, beispielsweise nach dem All-Star Break, würden die besten 20 Teams die Playoff-Positionen, die schwächsten 10 die Lottery-Wahrscheinlichkeiten ausspielen. Letztere müssten ab sofort gewinnen, um ihre Chancen zu verbessern. Siege wären plötzlich ein entscheidender Anreiz.
Gleichzeitig entstünden unter den besten 20 auch zum Saisonende hin interessante Matchups. Eine Herausforderung dabei wäre, dass mittelmäßige Teams eventuell entscheiden, lieber ins untere Drittel zu rutschen, um danach das bereits vorhandene Talent für Siege und damit eine deutlich erhöhte Draft-Chancen zu nutzen. Mögliches Gegenmittel könnte die Mitnahme von Niederlagen in die finale Phase sein, was wiederum ein gewisses Tanking zu Saisonbeginn provozieren könnte.

Am Ende gilt, was so häufig gilt: Perfektion ist der Feind von gut und sehr gut. Die Analyse, dass das derzeitige System Reformen bedarf, erscheint schlüssig. Eine Lösung, die alle Probleme beseitigt und keinerlei neue kreiert, existiert jedoch in den allerseltensten Fällen. Wahrscheinlich existiert sie überhaupt nicht. Niemand sollte erwarten, dass die Liga einen Weg findet, an dessen Ende sowohl maximale Chancengleichheit erhalten bleibt als auch alle gewinnen wollen.
Teams passen sich neuen Situationen an, finden Schlupflöcher, die sie für sich nutzen. Als sie die Wahrscheinlichkeiten innerhalb der Lottery so abflachte, dass nicht mehr das schwächste Team allein die besten Chancen auf den Top-Pick hatte, dass auch verhältnismäßige solide Franchises Aussichten auf eine gute Draft-Position hatten, glaubte die NBA, sie hätte die Tanking-Problematik nachhaltig entschärft. Stattdessen versuchen nun auch Teams, deren Saison nicht wie gewünscht verläuft, sich doch noch in die Lottery zu "tanken", um am Ende die eigenen Draft-Chancen zu erhöhen. Die Mavericks standen 2025 beispielsweise im Play-in, schieden aus und wurden am Ende mit Nummer-1-Pick Cooper Flagg belohnt.
Führt die Liga neue Maßnahmen ein, entstehen in wenigen Jahren also wohl neue Diskussionen über neue Gegenmaßnahmen von Teamseite. Deshalb nichts zu unternehmen, nichts zu versuchen, erscheint angesichts der Situation dennoch wenig sinnvoll. Zumal kein Ansatz unendlich ist. Vielmehr geht es darum, zu versuchen, die Lage zu verbessern, um nach einiger Zeit die Effekte anzusehen, neu zu analysieren, die Strategie anzupassen und weiter zu verbessern. Nichts, was die Liga jetzt entscheidet, muss für ewig stehen. Nichts dürfte perfekt sein, keinerlei Nebenwirkungen mitbringen. Handeln will und sollte die NBA dennoch. Allein, um Adam Silver seine Mitte zurückzugeben…
Max Marbeiter