27.01.2026
Die neuen Bad Boys vor Shoppingtour?
Nach etwas mehr als einer Saisonhälfte führen die Detroit Pistons mit einigem Abstand die Eastern Conference an. Als echten Titelkandidaten sehen viele Experten das junge Team aber noch nicht an. Werden sie im Lauf der kommenden Woche etwas daran ändern?

Kein Team ist perfekt - selbst bei den dynastischen Warriors oder den ShaKobe-Lakers ließ sich mit etwas Geduld die eine oder andere Schwachstelle finden. Bei anderen wiederum ist es nicht die berühmte Nadel im Heuhaufen, nach der gefahndet werden muss. Sondern, um im Bild zu bleiben, eher ein Speer (oder wenigstens ein Bleistift).
Bei den Pistons läuft es derzeit eigentlich prächtig - die 33-11-Bilanz ist die beste im Osten, mit einigem Abstand. Das Net-Rating (+8,5) übertrifft in der Liga lediglich OKC. Eine Truppe, die im letzten Jahr den Sprung von der schlechtesten der Liga zu einem legitimen Playoff-Team machte, ist aktuell dabei, gleich den nächsten Quantensprung hinzulegen.
Mit einer Einschränkung allerdings. Die Niederlage gegen Houston am Wochenende zeigte recht klar auf, warum die Pistons noch nicht so recht "angekommen" sind im Kreis der echten Top-Teams. Warum die Frage angemessen erscheint, wie Playoff-tauglich ihr Konstrukt ist, zumindest auf dem höchsten Niveau. Und folglich: Ob sie daran noch etwas ändern können - oder wollen.
Das Erfolgsrezept der Pistons ist recht simpel erklärt. Detroit verteidigt auf einem Niveau, das sonst nur OKC übertrifft. Die Pistons sind groß, athletisch und spielen Defense mit einem gewissen Stolz: Der Ring ist Sperrgebiet, ähnlich wie die Thunder (und das berühmteste Detroiter Team, die „Bad Boys“) reizen sie die Grenzen der Legalität aus und foulen mehr als jedes andere Team.
"Sie foulen bei jedem Ballbesitz, wahrscheinlich drei- oder viermal. Man darf sich davon nicht beirren lassen", sagte Lakers-Coach JJ Redick vor einigen Wochen, ehe sein Team von den Pistons vermöbelt wurde. "Und das ist nicht negativ gemeint, aber das machen sie, und die Referees werden das nicht in jedem Ballbesitz abpfeifen."
Falsch lag Redick damit nicht, gleichzeitig besteht die Pistons-Defense natürlich nicht nur aus Fouls, sondern auch Disziplin, sauberen Rotationen, guten Individualverteidigern. Insbesondere Isaiah Stewart sollte, obwohl er zumeist von der Bank kommt, ein heißer Kandidat für ein All-Defensive Team sein.
"Beef Stew" kümmert sich primär um den Ring, wo die Pistons die viertwenigsten Abschlüsse der Liga erlauben, während die Athleten auf dem Flügel dafür sorgen, dass Detroit nach (natürlich) wieder OKC die meisten Ballverluste der Liga forciert. Woraus die Pistons dann wiederum in Transition oft und gern Kapital schlagen.

Es gibt wenig Zweifel daran, dass diese Defense Playoff-tauglich ist. Solche finden sich eher am anderen Ende des Courts, bei der anderen Komponente des Erfolgsrezepts. Was nicht an Cade Cunningham liegt, der in seiner fünften Saison endgültig zum Maestro gereift ist und das Versprechen einlöst, dass er als Consensus Nr.1-Pick 2021 gegeben hatte.
Zwar plagt sich Cade seit einigen Wochen mit Problemen am Handgelenk herum, die seine Produktion ziemlich gedrückt haben (nur 13,5 Punkte bei 30% aus dem Feld über fünf Spiele, ehe er gegen Sacramento am Sonntag wieder aufdrehte), über die Spielzeit gesehen ist er dennoch ein klarer All-NBA-Teamer, zumal er neben der exzellenten offensiven Produktion (25,3 Punkte, 9,7 Assists) auch defensiv Teil des Pistons-Erfolgs ist.
Die Frage lautet eher, wie es mit der Unterstützung für Cunningham aussieht. Anders ausgedrückt: Ob die Abhängigkeit vom besten Spieler den Pistons irgendwann zum Verhängnis werden wird. Niemand hält den Ball ligaweit pro Spiel länger als Cunningham, der sich den Spitzenplatz mit Jalen Brunson und Luka Doncic teilt.
Der zweitbeste Scorer Detroits ist Jalen Duren (17,8 Punkte), ein MIP-Kandidat, der mehr als in der Vergangenheit dazu in der Lage ist, mit dem Dribbling etwas für sich selbst zu kreieren. Auch er ist aber definitiv mehr Finisher als Creator, und ein Profiteur von Cade: Die Cunningham-Duren-Kombination hat in dieser Saison bisher 76 Assists produziert, Platz acht in der NBA.
Die Basis-Offense im Halbfeld involviert nahezu immer Cunningham als Ballhandler und Duren als Blocksteller. Es ist eine effektive Kombination, aber auch eine, die bisweilen an ihre Grenzen stößt. Gerade dann, wenn um die beiden herum Dynamik und Spacing fehlt, die Wege entsprechend enger gemacht werden können.
Einen verlässlichen weiteren Scorer haben die Pistons derzeit nicht. Jaden Ivey hat nach seiner langen Verletzungspause nicht wieder die alte Dynamik erreicht und wirkt bisweilen eher wie ein Fremdkörper, Caris LeVert war zuletzt verletzt und hatte auch davor nicht wirklich eingeschlagen. Tobias Harris spielt ein durchwachsenes Jahr mit seiner schwächsten Dreierquote (32,7%) seit mehr als einer Dekade.
| Spieler | PTS | FG | 3PT |
|---|---|---|---|
| Cade Cunningham | 25,4 | 45,4% | 32,7% |
| Jalen Duren | 17,8 | 63,2% | - |
| Tobias Harris | 13,3 | 45,7% | 34,5% |
| Duncan Robinson | 12,1 | 44,0% | 40,5% |
| Ausar Thompson | 10,8 | 50,9% | 26,3% |
| Isaiah Stewart | 10,2 | 53,1% | 34,4% |
Die Quote ist insofern besonders schmerzlich, weil bei den Pistons ohnehin nicht viele Spieler werfen können. Mit Duren und Ausar Thompson starten zwei absolute Non-Shooter; als Team nimmt Detroit die viertwenigsten Dreier und trifft sie mittelmäßig.
Wirklich verlässlich wirft nur Duncan Robinson (40,3%), der damit de facto unverzichtbar für die Offense ist (um 9,1 Punkte besser, wenn er auf dem Court steht). Der in etwaigen Playoff-Serien allerdings auch zur defensiven Schwachstelle werden sollte. Und der in seiner Miami-Zeit in der Postseason nicht immer den Impact hatte, an den man sich in der Regular Season gewöhnt hatte.
Das Houston-Spiel zeigte das Dilemma recht deutlich auf. Die Pistons waren kalt von draußen (7/32), was auch Robinson miteinschloss. Einen zweiten Kreativen mussten die Rockets nicht fürchten. Also übten sie umso mehr Druck auf das Cade-Duren-Tandem aus, stellten die Zone zu und blitzten Cunningham als Ballhandler, was mit zu dessen sechs Ballverlusten führte.
"Für mich ist das etwas, das wir gerne sehen. Das kreiert 4-gegen-3-Möglichkeiten, und ich vertraue meinen Teammates", sagte Cunningham danach zwar, um die "Schuld" für die schwache Offense mehr auf sich selbst zu nehmen. Tatsächlich ist diese Coverage den Pistons allerdings nicht zum ersten Mal zum Verhängnis geworden.
Negativ betrachtet ließe sich dieses Spiel als Vorgeschmack interpretieren, auf die Art von Spiel, die Detroit in der Postseason zuhauf erleben könnte. In den Playoffs werden Schwächen identifiziert, offensiv wie defensiv, und gnadenlos ausgenutzt. Und da bieten die Pistons an, dass sie offensiv recht eindimensional agieren und suspektes Spacing mitbringen. Das sind zwei große, reizvolle Ansatzpunkte für gegnerische Defensiven.
Die gute Nachricht ist, dass Detroit diese Problembereiche theoretisch noch adressieren könnte. Die Pistons haben Assets, Draft-Picks, aber auch junge Spieler, zu denen auch der werdende Restricted Free Agent Ivey gezählt werden könnte. Sie haben (noch) eine gewisse Flexibilität, da Duren (ebenfalls werdender RFA) noch keinen neuen Deal unterschrieben hat.
Die Pistons haben eigentlich auch keine Eile. Es gibt Argumente dafür, die Füße stillzuhalten und zu evaluieren, wie gut das Team auch sich selbst herauswerden kann. OKC machte es in der Saison 23/24 vor, als viele Beobachter Trades forderten; Detroit könnte es "nachmachen" und im Juni trotzdem die Finals erreichen. So gut sind sie schon, so harmlos wirkt derzeit der Osten.
Auch deshalb gibt es aber auch Argumente dafür, gerade jetzt das Tempo zu forcieren, zu erforschen, ob das Front Office seine Version des Rasheed-Wallace-Trades finden könnte, der den Pistons 2004 die Meisterschaft brachte. Wer weiß schon, ob die Gelegenheit noch einmal so günstig sein wird?
Lauri Markkanen etwa wurde schon vor der Saison mal als Kandidat gehandelt, weil er auf dem Papier perfekt in das aktuelle Team passt, wenngleich die Jazz wohl weiterhin unrealistisch hohe Forderungen für den Finnen stellen. Ein anderer, vielleicht "näherer" Kandidat wäre Michael Porter Jr., der ein exzellentes Jahr bei den Nets spielt und mit seinem Shotmaking ein großes Upgrade gegenüber Harris darstellen könnte.
Gleiches gilt für Trey Murphy III, für den es allerdings wohl ebenfalls heftige Konkurrenz geben würde. Idealerweise würden die Pistons einen Spieler finden, der Off-Ball funktioniert und (mit Volumen!) werfen kann, aber auch etwas Creation mitbringt - und dabei die etablierte defensive Identität nicht gefährdet.
Die Genannten wären "große" Lösungen; denkbar wäre es auch, dass die Pistons wie im vergangenen Jahr mit Dennis Schröder einen kleineren Neuzugang ins Team holen, der nicht startet, aber situativ etwas Creation und Shooting an Cunninghams Seite stellt. Denkbar, und vielleicht sogar am wahrscheinlichsten, ist aber auch, dass am Ende gar nichts passiert.
Detroit hat einen spannenden Punkt erreicht. Richtig gut ist das Team bereits. Wie schafft man es nun, großartig zu werden? Geduld oder Aggressivität? Die kommende Woche wird Aufschluss darüber geben, wie Trajan Langdon & Co. diese Grundsatzfrage beantworten.
Ole Frerks