vor 4 Stunden
Die Niners im Kadercheck
Nach einer enttäuschenden BBL-Saison stellen die Niners Chemnitz ihren Kader fast komplett neu auf. Zwölf Neuzugänge treffen auf die große Konstante Rodrigo Pastore und sollen die Sachsen zurück in die Playoffs führen.

Bei den Niners Chemnitz ist kaum ein Stein auf dem anderen geblieben. Nach einer Saison mit zwei völlig unterschiedlichen Gesichtern zogen die Sachsen im Sommer einen radikalen Schlussstrich unter den bisherigen Zyklus. In der BBL reichte es nur zu Platz zwölf, das Play-In wurde am letzten Spieltag verspielt. Im EuroCup dagegen überzeugte Chemnitz bei seiner Premiere, schlug unter anderem internationale Schwergewichte und erreichte direkt das Achtelfinale.
Die Konsequenz daraus ist ein fast vollständiger Neustart. Mit Ausnahme von Doppellizenzspieler Luca Kellig und Nachwuchstalent Alfons Milatz wurde der Profikader komplett ausgetauscht. Selbst Kostja Mushidi, der ursprünglich noch bis 2027 unter Vertrag stand, verließ den Klub vorzeitig. Geschäftsführer Steffen Herhold sprach davon, dass es nun keine "Legacy-Themen" aus der Vergangenheit mehr gebe. Einzig auf der wichtigsten Position bleibt alles beim Alten.
Rodrigo Pastore geht bereits in seine zwölfte Saison als Cheftrainer der Niners. Trotz des enttäuschenden Abschneidens in der Bundesliga stand der 53-Jährige intern nie ernsthaft zur Diskussion. Zu eng ist seine Geschichte mit dem Aufstieg der Chemnitzer verbunden: Der Argentinier führte den Klub aus der zweiten Liga in die BBL, etablierte ihn dort und gewann 2024 den FIBA Europe Cup.
Diese Konstanz soll helfen, aus zwölf Neuzugängen möglichst schnell eine funktionierende Einheit zu formen. Chemnitz will wieder aggressiv verteidigen, mit Tempo spielen und über Einsatz, Physis und Variabilität jene Identität zurückgewinnen, die den Klub in den vergangenen Jahren ausgezeichnet hat. Die Herausforderung ist aber enorm, denn Automatismen aus der Vorsaison existieren praktisch nicht mehr.
Symbolisch für das Ende des alten Zyklus steht der Abschied von Kevin Yebo. Der Big Man absolvierte 174 Pflichtspiele für Chemnitz, erzielte 2.460 Punkte und war eine der prägenden Figuren des Europe-Cup-Triumphs. Mit seinem endgültigen Wechsel in die Türkei und Mushidis Vertragsauflösung ist von der bisherigen Mannschaft fast nichts mehr übrig.

Die wichtigste Personalie im neuen Backcourt ist Cobe Williams. Der Point Guard kommt nach einer starken Saison aus Bamberg, wo er mit durchschnittlich 14,6 Punkten, 4,1 Assists und 1,5 Steals zu den Leistungsträgern gehörte und den BBL-Pokal gewann. In allen 47 Pflichtspielen stand Williams in der Startformation. Besonders im Pokal-Halbfinale gegen Bayern zeigte er mit 22 Punkten und zehn Assists, dass er auch in großen Spielen Verantwortung übernehmen kann.
Daneben bringt Stef Smith zusätzliche offensive Qualität. Der Kanadier legte in Ludwigsburg vergangene Saison 16,5 Punkte, 4,4 Assists und 4,2 Rebounds auf und lebt von seinem aggressiven Zug zum Korb. Williams und Smith geben Chemnitz damit zwei Guards, die selbst scoren, Pick-and-Roll spielen und Verantwortung in engen Phasen übernehmen können.
Ergänzt wird das Duo durch Phlandrous Fleming. Der 27-Jährige kennt die BBL bereits aus seiner Zeit in Bonn und bringt mit 12,5 Punkten, 4,3 Assists und 1,6 Steals aus der vergangenen Saison in Frankreich viel Vielseitigkeit mit. Mit Yohan Choupas kommt zudem ein defensivstarker Guard mit deutschem Pass. Der gebürtige Franzose bringt EuroCup- und Champions-League-Erfahrung mit und soll vor allem über Defense, Struktur und Shooting helfen.
| # | SPIELER | POSITION | NATIONALITÄT | JAHRGANG |
|---|---|---|---|---|
| Cobe Williams | PG | USA | 2000 | |
| 3 | Stefan Smith | PG | CAN | 1999 |
| Phlandrous Fleming | SG | USA | 1998 | |
| 6 | Yohan Choupas | SG | FRA | 2000 |
| 13 | Luca Kellig | SG | GER | 2006 |
| Urald Remel King | SF | USA | 1990 | |
| 8 | Elias Rödl | SF | GER | 2002 |
| 19 | Alfons Milatz | SF | GER | 2007 |
| 25 | Ben Burnham | SF | USA | 2002 |
| Darion Atkins | PF | USA | 1992 | |
| 21 | Mateo Seric | PF | GER | 1999 |
| 90 | Jannis von Seckendorff | PF | GER | 2002 |
| Alex Richardson | C | GER | 2003 | |
| Nighael Ceaser | C | USA | 2000 |
Ben Burnham ist wohl der spannendste Neuzugang auf den Forward-Positionen. Der 24-Jährige dominierte die ProA bei den Artland Dragons mit 20,3 Punkten und 9,8 Rebounds und stellte mit einer Effizienz von 26,4 einen Bestwert seit Beginn der digitalen Datenerfassung auf. Jetzt muss er zeigen, wie schnell er diesen Output auf BBL- und EuroCup-Niveau übertragen kann. Mit Urald King kommt dagegen ein erfahrener Rollenspieler aus Trier, der Rebounding, Physis und einen soliden Distanzwurf mitbringt.
Auch Elias Rödl zählt eher zu den Entwicklungsprojekten. Der 24-Jährige überzeugte zuletzt am College vor allem als Schütze und traf in seinen letzten beiden NCAA-3-Spielzeiten 45,5 Prozent seiner Dreier. Der Sprung in die Bundesliga ist allerdings groß. Stabilität versprechen dagegen Mateo Seric und Rückkehrer Darion Atkins. Seric kennt die Liga aus Heidelberg, während Atkins bereits 2021/22 erfolgreich für die Niners spielte und Pastores System bestens kennt.
Unter dem Korb sorgen Nighael Ceaser und Alex Richardson für zusätzliche Physis. Ceaser kommt mit EuroCup-Erfahrung aus Cluj-Napoca und bringt Athletik sowie starkes Rebounding mit. Richardson soll als deutscher Center vor allem am Brett und mit Energie helfen. Insgesamt ist der Frontcourt damit breit aufgestellt, vereint aber bewusst erfahrene Spieler mit Akteuren, die ihren nächsten Entwicklungsschritt erst noch gehen müssen.

Auf dem Papier wirkt der neue Chemnitzer Kader deutlich tiefer und ausgeglichener als noch in der Vorsaison. Das größte Fragezeichen ist deshalb wohl nicht die individuelle Qualität als vielmehr die Zeit. Zwölf Neuzugänge müssen Rollen finden, Pastores Prinzipien verinnerlichen und die Belastung aus BBL, Pokal und EuroCup stemmen. Viel wird davon abhängen, wie schnell Williams und Smith das Spiel kontrollieren und ob Burnham seinen enormen ProA-Output bestätigen kann.
Trotzdem sollte der zwölfte Platz der Vorsaison mit diesem Kader nicht der Maßstab sein. Chemnitz besitzt genügend Qualität und Tiefe, um wieder um die direkte Playoff-Qualifikation mitzuspielen. Realistisch erscheint aktuell eine Platzierung zwischen fünf und neun. Gelingt es Pastore, aus den vielen neuen Teilen schnell wieder eine typische Niners-Mannschaft zu formen, ist sicherlich auch der direkte Sprung zurück unter die besten sechs möglich.
Lukas Hetterich