vor 7 Stunden
Spanier über den mäßigen Saisonstart
ALBA Berlin sucht nach einem wechselhaften Saisonstart noch nach Stabilität. Im exklusiven Interview mit basketball-world.news spricht Cheftrainer Pedro Calles über die Folgen der Verletzungen, die Identität der Meistermannschaft und den Anspruch, weitere Titel zu gewinnen.

Herr Calles, ALBA stehen in der Bundesliga bei drei Siegen und vier Niederlagen, während Sie in der Champions League mit drei Siegen noch ungeschlagen sind. Wo steht diese Mannschaft momentan?
Calles: In den bisherigen sechs Wettbewerbswochen haben wir einige Höhen und Tiefen erlebt, insbesondere aufgrund der Verletzungen. Wir hatten noch nie den vollständigen Kader zur Verfügung. Als Yankuba [Sima] zu uns kam, hatten wir bereits Verletzte. Das war unser größtes Handicap und der wichtigste Faktor, der unseren Prozess und unsere Leistungen beeinflusst hat - vor allem in der Defensive. Mit dem Kader, der uns aktuell zur Verfügung steht, müssen wir Lösungen finden - nicht nur kurz-, sondern auch mittelfristig.
Unabhängig von den Ergebnissen: Vor dem Bonn-Spiel hatten Sie vier Partien in Folge gewonnen. Bewegt sich die Mannschaft aus Ihrer Sicht in die richtige Richtung? Wie nah sind Sie daran, so zu spielen, wie Sie es sich vorstellen?
Calles: Ja, ich denke schon. Es ist natürlich nicht einfach, 40 Minuten lang mit nur einem Center zu spielen. Gleichzeitig macht Brandon Angel einen sehr guten Job dabei, sich an diese für ihn neue Position anzupassen, weil die Mannschaft das momentan von ihm benötigt. Wir haben Fortschritte gemacht. Allerdings ist die offensive Produktion unserer Gegner noch zu hoch. Einige unserer bisherigen Siege haben wir vor allem unserer Offensive zu verdanken. Defensiv müssen wir noch zulegen. Für uns beginnt alles in der Verteidigung, sie ist unser A und O.
Nehmen wir an, die verletzten Jack Kayil und Norris Agbakoko wären dabei: Wie würden Sie Ihre defensive Identität beschreiben?
Calles: Wir wollen proaktiv und aggressiv sein und nicht zulassen, dass der Gegner mit seiner Offensive das Spiel diktiert. Wir möchten von einer Grundlinie bis zur anderen Druck auf den Ball ausüben. Offensive und Defensive hängen meiner Ansicht nach eng miteinander zusammen. Wenn wir offensiv mit Tempo und Geschwindigkeit spielen wollen, müssen wir auch defensiv viel Energie investieren, damit wir nicht jedes Mal gegen eine sortierte Halbfeld-Offensive antreten müssen.
Ihre aggressive Verteidigung verlangt passende Rotationen und das Abdecken großer Räume. Wie sehr schränkt es Sie dabei ein, dass mit J'Wan Roberts und dem verletzten Agbakoko beide Center der vergangenen Saison fehlen?
Calles: Uns ist bewusst, dass durch diese Spielweise deutlich mehr Raum abgedeckt werden muss. Das ist jedoch unsere Identität, und darin investieren wir. Roberts war ein sehr guter Verteidiger, der mehrere Positionen übernehmen konnte. Im Moment stehen uns beide Center der vergangenen Saison nicht zur Verfügung, und daran müssen wir uns anpassen. Norris' Rückkehr wird uns wieder zusätzliche Möglichkeiten geben. Wir betrachten dabei nicht nur einzelne Partien, sondern den gesamten Entwicklungsprozess. Im März oder April können wir entscheiden, ob wir an dieser Spielweise festhalten oder einen anderen Weg wählen. Andersherum wäre es möglicherweise schwieriger, zunächst ohne Druck auf den Ball zu beginnen und später aggressiver verteidigen zu wollen. Deshalb sehen wir das als mittel- und langfristige Entwicklung.
| Zeitraum | Verein | Position |
|---|---|---|
| 2010-2011 | Plasencia Extremadura | Assistenztrainer |
| 2011-2012 | Plasencia Extremadura | Cheftrainer |
| 2013-2015 | Artland Dragons | Assistenztrainer |
| 2015-2018 | Rasta Vechta | Assistenztrainer |
| 2018-2020 | Rasta Vechta | Cheftrainer |
| 2020-2022 | Hamburg Towers | Cheftrainer |
| 2022-2024 | EWE Baskets Oldenburg | Cheftrainer |
| Seit 2025 | ALBA Berlin | Cheftrainer |
Neben Roberts hat Alba Im Sommer mehrere wichtige Spieler verloren - Moses Wood, Alex O'Connell, Michael Rataj und weitere. Wie sehr unterscheidet sich die Identität der aktuellen Mannschaft von der des vergangenen Jahres?
Calles: Grundsätzlich streben wir in unserer Spielweise dieselbe Identität an. Es handelt sich nicht nur um die Identität einer Mannschaft, sondern um eine Klubidentität. Wir möchten unsere Spieler unabhängig von der jeweiligen personellen Besetzung mit dieser Identität verbinden. Natürlich unterscheidet sich jeder Spieler in seinen Fähigkeiten und seiner Persönlichkeit. Dadurch wird jede neue Mannschaft die konkrete Ausprägung mitgestalten. Das allgemeine Konzept und die grundlegende Idee bleiben aber gleich: Wir möchten mit enormem Einsatz spielen und mental unnachgiebig sein. Das sind die beiden wichtigsten Faktoren unserer Identität.
Einige Spieler des Kerns wie Jonas Mattisseck, Malte Delow oder Justin Bean sind bereits länger im Verein. Wie wichtig waren sie angesichts der Ausfälle und der vielen Neuzugänge dabei, diese Identität zu formen beziehungsweise zu bewahren?
Calles: Über Identität und Chemie kann man viel sprechen, aber man muss sie spüren und erschaffen. Das gelingt nicht durch Worte, sondern durch Taten und den Glauben an diese Handlungen. Mit gutem Beispiel voranzugehen, ist eine sehr wirkungsvolle Form der Führung. Diese Spieler tun das Tag für Tag. Das ist nicht nur für mich als Trainer, sondern auch für den Klub sehr wichtig. Wir suchen und erwarten Beiträge von Jonas, Justin und Malte. Sie sind Persönlichkeiten, die nicht nur innerhalb der Mannschaft, sondern auch im gesamten Verein und von den Fans anerkannt werden. Sie sind ausgesprochen wichtige Bausteine.
Inwiefern unterschied sich die Vorbereitung auf diese Saison von der im vergangenen Jahr?
Calles: Im vergangenen Jahr sind wir mit Spielern gestartet, die nicht unbedingt Erfahrung im europäischen Basketball besaßen - etwa Roberts, Wood und auch Boogie Ellis. Sie brachten dafür sehr viel Intensität mit und hatten ein sehr hohes Potenzial. Im ersten Monat mussten sie sich an die europäische Kultur und den europäischen Basketball gewöhnen. In dieser Saison ist die Situation etwas anders: Brandon Angel hatte bereits sechs oder sieben Monate in Israel gespielt, Joe Wieskamp kennt sogar die Bundesliga und Jordan Ford war in Italien aktiv. Damit wollten wir die Eingewöhnungszeit möglichst verkürzen.
Welche Qualitäten des letztjährigen Kaders waren am schwierigsten zu ersetzen?
Calles: Momentan ist das schwer zu beurteilen, weil wir die zusammengestellte Mannschaft seit Saisonbeginn noch nie vollständig zur Verfügung hatten. In der vergangenen Saison hatten wir bei Verletzungen mehr Glück und verfügten über belastbare Leistungsträger. Wir waren relativ konstant gesund, auch auf den großen Positionen, und konnten mit einer langen Rotation spielen.

Welche Elemente Ihrer Spielweise funktionieren bereits und wo besteht noch der größte Verbesserungsbedarf?
Calles: Das kollektive Spiel funktioniert bereits. Vor dem letzten Spiel gegen Bonn waren wir die Mannschaft, bei der der größte Anteil der Punkte nach Assists zustande kam. 71 Prozent unserer Punkte wurden durch Assists vorbereitet. Das zeigt, dass wir den Ball teilen und als Kollektiv spielen. Das ist einerseits Teil unserer Identität und Philosophie, andererseits auch notwendig. Wir haben nicht unbedingt viele Eins-gegen-eins-Spieler, die sich ihre Würfe selbst kreieren. Deshalb müssen wir uns auf kollektiven Basketball verlassen. Dieser Bereich funktioniert. Aufgrund der vielen personellen Veränderungen während des gesamten Prozesses müssen wir dagegen unsere Defensive noch etablieren.
Könnte es mit Ihrer Spielweise zusammenhängen, dass die Ergebnisse international bislang besser ausfallen als in der Bundesliga?
Calles: Nein, das würde ich nicht sagen. Natürlich besitzt jede Liga bestimmte Tendenzen, auch die BBL. In der Champions League ist jeder Gegner etwas anders, weil die Teams aus verschiedenen nationalen Ligen kommen. In der BBL haben wir Spiele verloren, weil wir Nachteile beim Rebounding und bei den Punkten am Ring hatten. Wir haben gegen München, Trier und Bamberg mit einer sehr kleinen Frontcourt-Rotation gespielt. Ohne die Verletzungen wären diese Zahlen möglicherweise anders ausgefallen. Deshalb lassen sich die Resultate aktuell nur schwer einordnen und keine belastbaren Schlüsse daraus ziehen.
| Wettbewerb | Titel |
|---|---|
| Deutsche Meisterschaft | 12 |
| Deutscher Pokal | 11 |
| Champions Cup | 3 |
| Korac-Cup | 1 |
Wenn die verletzten Spieler zurückkehren: Besitzt diese Mannschaft aus Ihrer Sicht die Qualität und die Chemie, um in allen Wettbewerben bis zum Ende um die Titel mitzuspielen?
Calles: Das Potenzial ist vorhanden, und die Chemie ist definitiv da. Teamchemie ist allerdings ein lebendiger Prozess, der von Trainingseinheiten, Spielen, Siegen und Niederlagen beeinflusst wird. Die Stimmung in der Kabine ist sehr gut. Jeder unterstützt und hilft dem anderen. Ich bin mir deshalb sicher, dass uns die Chemie nicht daran hindern wird, unsere Ziele zu erreichen.
Wir wollen jeden Wettbewerb so angehen, dass wir bis zum Ende dabei sind, ohne ein konkretes Ergebnis als Vorgabe festzulegen. Wir wollen im Finale stehen. Manchmal gelingt das, manchmal nicht. In der vergangenen Saison standen wir im Pokalfinale und im Finale der Liga und waren nur einen Sieg vom Final Four der BCL entfernt.

Wäre die Saison angesichts der Verletzungssituation ein Misserfolg, wenn Sie keinen Titel gewinnen sollten?
Calles: Nein. Auch wenn wir in der vergangenen Saison den 20-Punkte-Rückstand nicht aufgeholt hätten, wäre sie kein Misserfolg gewesen. Überhaupt nicht. Wie gesagt: Wir möchten bis zum Ende jedes Wettbewerbs konkurrenzfähig bleiben, haben auf unserem Weg aber keinen Titel als verpflichtendes Ziel ausgerufen.
Ein Misserfolg wäre es, wenn wir in einem Spiel nicht unser Maximum geben würden, wenn wir nicht mit dem Anspruch ins Training kämen, uns weiterzuentwickeln, oder wenn wir während dieses Prozesses zufrieden beziehungsweise selbstgefällig würden. Solange wir hungrig bleiben und uns verbessern wollen, werde ich die Saison nicht als Misserfolg betrachten.
Sehen Sie in der aktuellen Mannschaft bereits denselben Willen und dieselbe Widerstandsfähigkeit wie im Meisterteam?
Calles: Wenn Sie mir diese Frage am 4. November der vergangenen Saison über die damalige Mannschaft gestellt hätten, hätte ich es ebenfalls nicht gewusst. Sie fragen mich das heute, weil wir in der vergangenen Saison mehrfach große Rückstände in der zweiten Hälfte aufgeholt haben - nicht nur im Finale. Das wird die Zeit zeigen, ebenso bestimmte Momente und Widerstände. Ich sehe aber die richtigen Zutaten, um mit schwierigen Situationen umzugehen und sie zu überwinden.
Sam Müller, Interview: Sam Müller