vor 10 Stunden
Selbst der Gegner lobt
Knapp zwei Wochen war Andi Obst in den Bundesliga-Play-offs zum Zuschauen verdammt. Einerseits rasten seine Bayern tadellos durch die bisherige Postseason. Andererseits setzte ihn ein Virus außer Gefecht. Im ersten Finalspiel meldete sich der Nationalspieler nun eindrucksvoll zurück und erntete sogar Lob vom Gegner.

Es ist die ewig wiederkehrende Gretchenfrage in den Play-offs einer jeden Basketball-Saison: Sind mehrere Tage Pause nun Vorteil oder Nachteil für eine Mannschaft? Nach ihrem Sweep im Viertelfinale kämpften die Münchner zum Auftakt gegen Bonn jedenfalls lange gegen den Rückstand an. Im Finale gegen ALBA Berlin - wieder hatte man nach Sweep rund eine Woche Pause und der Gegner nach fünf Spielen zuvor nur ein paar wenige Tage - kam es zur selben Situation. Und wieder kam das Gegenüber mit mehr Rhythmus aus dem Kabinentrakt.
Dass die Albatrosse trotz einer exzellenten ersten Halbzeit (55 Punkte) dennoch mit einem Rückstand in die Umkleide marschieren sollten, war allen voran Andi Obst zuzuschreiben. Der Edelschütze, der im Juni wegen eines Virusinfekts bis dato noch kein Spiel absolviert hatte, schien die lange Pause eher zum Vorteil zu nutzen. "Wirklich fit fühle ich mich ehrlich gesagt noch nicht", sagte er im Anschluss. Angesichts seiner Performance war diese Aussage entweder schwer zu glauben oder umso beeindruckender.

24 seiner 33 Punkte erzielte Obst allein in der ersten Halbzeit, traf neun seiner zehn Würfe, darunter fünf von sechs Dreiern. Brandheiß lief der Shooting Guard gegen Ende des zweiten Viertels, wo er in mehreren Ballbesitzen nacheinander hochsteigen würde und man den Ausgang der Wurfkurve bereits erahnen konnte, ohne dessen Ende gesehen zu haben. Sein dritter Treffer in Folge und fünfter in der Halbzeit brachte den Bayern 46 Sekunden vor Ende der ersten Halbzeit sogar die erstmalige Führung ein (55:53).
"Wir haben es in der ersten Halbzeit verpasst, es ihnen defensiv schwerer zu machen", so Berlins Malte Delow später. "Andi hat ein paar krasse Dinger getroffen, das stimmt schon. Aber damit muss man nun mal rechnen, wenn man gegen so einen Spieler spielt."
Nach dem Seitenwechsel machte es Alba dann besser. Obst wurde häufiger gedoppelt, womit man ihm den Ball aus den Händen trieb. Doch anstelle von Obst waren es in den Durchgängen drei und vier die Bankspieler der Bayern, die den Unterschied ausmachten. Rathan-Mayes, der nach Obsts Rückkehr wieder ins zweite Glied rückte, war einer der Akteure, die im Schlussdurchgang den entscheidenden Vorteil herausspielten.
Ein 8:2-Run zu Beginn der zehn Schlussminuten stellte auf +9. Bei ALBA hingegen lief jetzt viel über Kapitän Martin Hermannsson, während die vielen Youngster in der Mannschaft so ihre Probleme hatten. College-Abgänger Michael Rataj und NBA-Anwärter Jack Kayil, für die es wohl das größte Spiel ihrer bisherigen Karrieren war, blieben nach starken Auftritten in den Runden zuvor diesmal einstellig. Gerade in der Crunchtime, also den drei finalen Zeigerumdrehungen, fehlte es an Aggressivität und Lösungen gegen die langen Arme des Titelverteidigers.
Gesenkte Köpfe waren bei den Berlinern im Nachgang aber dennoch nicht festzustellen. Zu groß war die Bestätigung darüber, mit den Bayern über 40 Minuten durchaus mithalten zu können. "Wir sind als Team sehr positiv gestimmt", so Rataj gegenüber basketball-world.news. "Pedro hat in der Kabine gerade eine super Ansage gemacht. Wir wissen ganz genau, was wir jetzt anpassen müssen."
Die offensichtliche Antwort liegt hier in der Defensive. 102 Punkte könne man in einem Finals-Spiel schließlich nicht zulassen, um als Gewinner vom Platz zu gehen, ergänzte Delow und schob für Spiel 2 am Sonntag (15.30 Uhr) gleich eine Ansage hinterher: "Wir müssen sie unter 85 Punkten halten." Fraglich ist eben nur, ob Andi Obst hier etwas einzuwenden hat.
Julius Ostendorf