vor 20 Stunden
Im Keller wirds richtig eng
Die neue BBL-Saison steht in den Startlöchern, weshalb es Zeit für das erste Power Ranking der Saison wird. Wer kann dem FC Bayern an der Spitze gefährlich werden und für wen wird es im Keller richtig knapp? Wir schauen uns die Ausgangslage vor dem Saisonstart an.

Jena entging dem Abstieg nur knapp und zehrte vor allem von den ersten guten Wochen, als man mit Great Osobor einen starken Center und mit Joe Wieskamp einen der besten Spieler der Liga hatte. Diese Rolle wird nun Terrence Edwards Jr. übernehmen, der in Russland fleißig ballerte (16,3 PPG, 39,5% FG). Den Thüringern fehlt noch ein Spielmacher, nachdem Erick Neal schon wieder weg ist. Die deutsche Rotation ist mit Raphael Falkenthal, Robin Christen, Kristofer Krause und Lorenz Bank sehr dünn.
Gleiches gilt auch für den Aufsteiger, der sich aber mit einigen ACB-erfahrenen Spielern interessant verstärkte. Im Backcourt zieht weiterhin Marcus Graves die Fäden, doch kann er auch BBL? Unter dem Korb lastet viel auf den Schultern von Cameron Krutwig, der aber auch kein Shotblocker ist. Athletik fehlt im Kader, man muss auf Wildcard Anthony Polite hoffen, der nach über zwei Jahren Verletzungspause ein Comeback in Hagen wagt.
Teams, die mit einer Wildcard in der Liga bleiben, haben es traditionell schwer. Vor der Saison gibt es noch Baustellen im Kader, darunter auch die Spielmacher-Position. Devin Askew ist ein College-Rookie, er dürfte Zeit brauchen. In der Vorbereitung war die Defense zumeist katastrophal, Bremerhaven im Pokal dagegen kein Gradmesser. Zumindest hilft, dass Kapitän Chip Flanigan nach seiner Einbürgerung als Deutscher geführt werden kann.
Der MBC verstärkte sich mit Kostja Mushidi (Vertrag über drei Monate) und dem ehemaligen serbischen Nationalspieler Borisa Simanic prominent, doch vor allem der Abgang von Kapitän und Rekordspieler Charles Callison schmerzt. Mit DeLonnie Hunt ersetzt ihn ein recht unerfahrener Spielmacher, das ist ein Risiko. Dazu fällt Kapitän und Go-to-Guy Spencer Reaves noch einige Wochen aus, was den Saisonstart verkomplizieren wird.

Tabula rasa bei den Imports - die Towers probieren es in dieser Saison ohne EuroCup. Der Wegfall der Doppelbelastung wird helfen, gleichzeitig musste deswegen eher ins untere Regal gegriffen werden. Der Kern um Osaro Rich, Kenny Ogbe und Martin Breunig steht zumindest, von den Neuen machten im Pokal die beiden Guards Noah Thomasson und der junge Mathys Kangudia einen guten Eindruck. Dünn sieht es dagegen im Frontcourt aus, hier wird Breunig gefragt sein.
Statt Hamburg versuchen sich stattdessen die Skyliners im EuroCup und haben ihren Kader entsprechend verbreitert. Mit Isaiah Swope, Naheim Alleyne und Will Christmas konnten sogar drei Imports gehalten werden, dazu schnappte man sich in Judah Mintz einen starken Scorer aus der Türkei und holte in Ryan Arcidiacono einen NBA-erfahrenen Guard. Routine bringt zudem das Ulmer Urgestein Tommy Klepeisz. Diese fehlt dagegen unter dem Korb, hier muss man hoffen, dass Race Thompson (zuletzt Warschau) einschlägt.
Mit Carles Duran verpflichteten die Riesen einen interessanten neuen Trainer, der als Förderer von Talenten gilt. Davon gibt es in der Barockstadt jede Menge - und eben auch Oldies wie Jonas Wohlfarth-Bottermann oder Yorman Polas Bartolo. Dass Elijah Hughes gehalten werden konnte, ist ein kleiner Coup, dazu kehrt mit Darius Perry (Ex-Würzburg) ein starker Scorer in der BBL zurück. Potenzial ist also da, die Frage ist, wie dies letztlich alles zusammenpassen wird. Womöglich wird es einige Zeit dauern.
Zum Ende des Sommers legte Rasta mit Nationalspieler Nelson Weidemann und Rückkehrer Lloyd Pandi noch einmal ordentlich nach und besitzt nun einen überraschend breiten Kader. Die überragende Offense aus dem Vorjahr wird nicht zu replizieren sein, dennoch ist die Auswahl auf Guard wieder sehr groß. Auf Center wird vieles davon abhängen, ob Tibor Pleiß (36) eine volle Saison durchhalten kann, dahinter sind Alternativen rar gesät. Aber: Vechta wird mit Pleiß oder Philipp Herkenhoff stets Lineups mit vielen Schützen aufbieten können.
Nach einigen schwachen Jahren wollen die Baskets wieder in die Playoffs, mit Le’tre Darthard fällt ein Schlüsselspieler aber zunächst aus. Eine Nachverpflichtung steht wohl in den Startlöchern. Im Vergleich zum Vorjahr blieb kein Import, auf den deutschen Positionen sind Zach Ensminger und Marcel Keßen neu, während Nicolas Tischler und Seth Hinrichs die Konstanten bleiben. Von den Imports machten im Pokal Nate Johnson und Jeremy Roach einen guten Eindruck.
Ohne Champions League schrumpfte der Etat in Würzburg, entsprechend mussten die Mainfranken bei den Imports in ein tieferes Regal greifen. Coach Sasa Filipovski stellte in der Vergangenheit aber unter Beweis, dass er hier oft ein gutes Händchen bewies. Die Neuen kommen diesmal aus Rumänien, Belgien, England oder aus der ProA. Nur Sam Griffin spielte bereits in der Türkei auf hohem Niveau, er dürfte der Go-to-Guy sein. Im Vergleich zu den Vorjahren fehlt jedoch ein dominanter Spielmacher, der Partien im Alleingang entscheiden kann.

Alles neu in Freak City. Mit Richard Balint, Demarcus Demonia und Daniel Keppeler blieben nur drei Spieler, auch Coach Anton Gavel ist weg. Entsprechend schwer ist es, den Pokalsieger einzuschätzen. Für die deutsche Rotation sind Joshua Obiesie und der verletzungsanfällige Jonathan Bähre neu, dazu kamen mit Yuval Hochstadter und Brandan Terry zwei Imports mit deutschem Pass. Die weiteren Imports kennen die BBL nicht, doch auch im Vorjahr holte Bamberg vornehmlich No-Names, die dann voll einschlugen. Jordan Wright (zuletzt Holon) könnte ein solcher Glücksgriff sein.
Chemnitz tauschte sogar den kompletten Kader aus und setzt auf Qualität in der Spitze. Die deutsche Rotation wurde auf ein Minimum zusammengekürzt, stattdessen wurden mit Cobe Williams (Bamberg), Phlandrous Fleming (ehemals Bonn) oder Stefan Smith (Ludwigsburg) starke Guards geholt. Unter dem Korb soll der EuroCup-erfahrene Nighael Ceaser aufräumen. Das sind gute Einkäufe, doch die Tiefe im Kader wirft Fragezeichen auf. Reichen Mateo Seric, der Franzose Yohan Choupas, Elias Rödl und Jannis von Seckendorff wirklich für die deutschen Spots, um durch eine Saison mit mindestens 50 Spielen zu kommen?
Die Seawolves fahren einen anderen Ansatz. Sie setzen voll auf BBL-Routine und haben jede Position mindestens doppelt besetzt. T.J. Crockett und Zach Copeland sollen Punch von den kleinen Positionen bringen, auf dem Flügel hofft man auf eine starke Comeback-Saison von Robin Amaize. Mit DeAndre Lansdowne und Owen Klassen haben die Seawolves echte Führungsspieler, dazu wurde mit Artur Konuntsuk ein überdurchschnittlicher BBL-Vierer geholt. Im Pokal gab es zwar den ersten Dämpfer, doch auf dem Paper ist das ein Playoff-Team.

Ulm drehte seinen Kader ebenfalls auf links, geblieben sind nur die Youngster Teo Milicic, Mohamed Diakite und Meissa Faye. Dafür wurde wieder in Frankreich gewildert, vor allem Armel Traore dürfte für Spektakel sorgen. Mit Adam Atamna setzt der Meister von 2023 wieder auf einen blutjungen Spielmacher, hier könnte aber auch der Ex-Bamberger Ibi Watson etwas aushelfen. Watson dürfte mit Michael Rataj (kam von Alba) und G-League-Champion Jaylen Sims das Grundgerüst der Mannschaft bilden, die vermutlich erst wieder im Frühling ihren besten Basketball spielen werden.
Die Entwicklung in der ältesten Stadt Deutschlands ist rasant. Aufstieg, Playoffs und nun FIBA Europe Cup sowie ein Kader, der sich nicht verstecken muss. Dass Trier Spieler vom Kaliber E.J. Onu, Justin Simon, Rückkehrer Eli Brooks und Austin Crowley verpflichten konnte, war vor Monaten noch undenkbar, dazu konnte auch fast die komplette Mannschaft inklusive Topscorer Jordan Roland gehalten werden. Und: Die Neuen passen zum System von Coach Jacques Schneider, der nun einen Kader mit viel mehr Alternativen vorfindet.
Mit Ausnahme von Jalen Finch hat Bonn den Kader des Vorjahres zusammengehalten, mit dem es bis ins Halbfinale ging. Für ihn kam John-Michael Wright aus Kroatien, der als Spielmacher einer der besseren Schützen im Team sein dürfte. Shooting war im Vorjahr das Problem, dafür stand die Defense sattelfest. Leon Kratzer wird hier auch helfen, er ersetzt zunächst einmal den verletzten Kur Jongkuch. In Bonn ist es ruhig, Kontinuität herrscht vor, das kann in dieser BBL ein großes Faustpfand sein.

Ausverkauf beim Meister? Mitnichten! Der Fünfjahresvertrag für Jack Kayil war die Krönung des Sommers, dazu wurden auch Schlüsselspieler wie Justin Bean oder Martin Hermannsson gehalten. Der Abgang von Rataj kam überraschend, dafür wurden mit Wieskamp, Brandon Angel und Guard Jordan Ford vielversprechende Neue geholt. Was noch fehlt, ist ein Ersatz für den abgewanderten J’wan Roberts auf der Fünf, doch ansonsten ist dieser Kader sogar stärker einzuschätzen als noch in der Meistersaison.
Und doch stehen die Bayern an der Spitze. Der ganz große Umbruch blieb aus, dennoch wird die Mannschaft unter Gavel deutlich anders aussehen. Die Neuen der Bayern haben es auf BBL-Level in sich (Thiemann, Jensen, Wiley, Washington Jr. Norris, Beauchamp), insgesamt ist der Kader einen Tick jünger und mit Isiaha Mike und Neno Dimitrijevic gingen auch nur zwei Spieler, die wichtige Rollen einnahmen. Es ist wie so oft in den vergangenen Jahren: Alles andere als eine Meisterschaft der Bayern wäre eine faustdicke Überraschung.
Robert Arndt