vor 4 Stunden
Dominanz oder Momentaufnahme?
Die New York Knicks dominieren die Playoffs aktuell wie kein anderes Team. Hinter der historischen Siegesserie steckt aber mehr als nur ein heißer Lauf.

Die New York Knicks erleben gerade eine Phase, wie sie in dieser Form in den Playoffs nur selten vorkommt. Drei Siege in Folge mit jeweils mindestens 25 Punkten Differenz, das gab es in der NBA-Postseason vorher noch nie. Insgesamt gewannen die Knicks ihre letzten vier Spiele mit zusammengerechnet +135 Punkten, die letzten drei sogar mit +119.
Doch die Zahlen allein erzählen nur einen Teil der Geschichte. Entscheidend ist, wie dieser Lauf zustande kommt. Denn New York wirkt strukturiert, eingespielt und vor allem konstant in beiden Richtungen des Feldes.
Für Superstar Jalen Brunson ist der aktuelle Erfolg kein Zufallsprodukt, sondern das Ergebnis einer Entwicklung über die gesamte Spielzeit hinweg: "Deshalb spielt man eine Saison. Du gehst durch schwierige Phasen, um am Ende das bestmögliche Team zu sein."
Gerade diese "Widrigkeiten", also die Schwankungen im Saisonverlauf, scheinen die Knicks gefestigt zu haben. Nach einem 1-2-Rückstand gegen Atlanta hat sich das Team vom Big Apple klar stabilisiert.
Offensiv ist der wichtigste Punkt die klare Hierarchie. Jalen Brunson ist der Taktgeber, aber er muss nicht jeden Angriff alleine retten. Gegen die Sixers machte er früh mit 27 Punkten in der ersten Hälfte klar, dass Philadelphia keinen passenden Zugriff auf ihn hatte. Gleichzeitig funktionierten die Nebenrollen. OG Anunoby scorte effizient, Mikal Bridges traf seine Dreier, Karl-Anthony Towns bindet als Big mit Shooting gegnerische Verteidigungen.
Coach Mike Brown beschreibt genau diesen Punkt als Schlüssel: "Wenn die Spieler unsere Konzepte auf beiden Seiten des Feldes umsetzen, spielt es keine Rolle, wer den Angriff initiiert, es geht darum, das Richtige zu tun."

Dazu kommt die Eingespieltheit. Die Knicks-Kernspieler standen in der Saison deutlich häufiger gemeinsam auf dem Feld als Philadelphias Topgruppe um Joel Embiid, Tyrese Maxey, Paul George und VJ Edgecombe. Genau das war in Spiel 1 sichtbar.
Defensiv hat New York ebenfalls eine klare Identität. Mit Anunoby und Bridges haben die Knicks zwei lange, variable Verteidiger auf den Flügeln, dazu mehrere Bigs, die Embiid zumindest beschäftigen können. Philadelphia versuchte früh, Embiid gezielt zu füttern, doch das brachte die Sixers eher aus dem Rhythmus. Embiid traf nur drei seiner 13 Würfe, Maxey kam zu spät ins Spiel.
Trotzdem ist der Hype mit Vorsicht zu genießen. Die 76ers kamen aus einer extrem kurzen Pause nach einer kräftezehrenden Sieben-Spiele-Serie gegen Boston. Nick Nurse zog seine Starter bereits im dritten Viertel, als klar war, dass nichts mehr zu holen war. Brunson ordnete das selbst nüchtern ein: "Ich glaube nicht, dass wir in Spiel 2 dasselbe Team sehen werden."
Ein Hinweis, der nicht zufällig kommt. Die Philadelphia 76ers haben bereits in der vorherigen Serie gezeigt, dass sie auf klare Niederlagen reagieren können. Der Blowout in Spiel 1 ist daher eher ein Statement als eine Vorentscheidung.
Der aktuelle Lauf katapultiert die Knicks zwangsläufig in die Diskussion um die Titelanwärter. Doch innerhalb des Teams bleibt der Fokus bewusst geerdet: "Es gibt keinen Punkt, an dem man sagt: Wir sind jetzt gut genug", so Brunson. "Wir müssen weiter arbeiten."
Genau diese Haltung könnte am Ende entscheidend sein. Denn der bisherige Eindruck ist eindeutig. Die Knicks spielen aktuell wie ein Contender, aber sie denken noch nicht wie einer, der schon angekommen ist.
Lukas Hetterich