02.03.2026
Alarmstimmung in Houston
Die Houston Rockets sind wenige Wochen vor dem Start der Playoffs eines der undurchsichtigsten Teams der Liga. Auf der einen Seite stehen sie von der Bilanz her gut da, auf der anderen Seite werfen die stotternde Offensive und die Situation um Kevin Durant viele Fragezeichen auf.

Wenige Teams haben in dieser Saison so ein Auf und Ab erlebt wie die Rockets. Man erinnere sich an ihren Saisonstart, als sie gegen OKC mal eben eine der größten Starting Fives der NBA-Geschichte aufs Feld schickten (Amen Thompson war mit 2,01 Metern der kleinste Spieler) und gegnerische Teams reihenweise mit ihrer Physis überpowerten.
So stellten sie ziemlich überraschend über die ersten NBA-Wochen die beste Offensive der Liga, obwohl sie die meiste Zeit ohne einen echten Point Guard spielten und kaum von draußen warfen. Diese fehlende Kreation machten sie aber kurzerhand durch ihr historisches Rebounding wett, das die Liga so noch nie zuvor gesehen hat. Anfang des Jahres sicherten sie sich über die gesamte Saison gesehen 55,9 Prozent aller verfehlten Würfe des Spiels und legten eine Offensive-Rebounding-Percentage von rund 40 Prozent hin.
Zur Einordnung: Der Abstand in Sachen eingesammelte Rebounds zwischen den Rockets und den Pistons auf Platz zwei war größer als der Abstand zwischen Platz zwei und Platz 18. Die Rockets dominierten schlichtweg jedes Team der Liga, bis sich Steven Adams Mitte Januar am Knöchel verletzte und bekannt wurde, dass er den Rest der Spielzeit verpassen wird. Ohne den wohl besten Offensiv-Rebounder der Liga musste Houston sein Spiel grundlegend umstellen und die provisorisch verputzten Schwachstellen begannen langsam zu bröckeln.
Das mit Abstand beste Rebounding-Team der Liga war auf einmal nicht mal mehr ein Top-5-Rebounding-Team, was die gesamte Identität ihres Spiels veränderte. Konnten sich bis Mitte Januar noch fröhlich drauf los ballern und davon ausgehen, dass ihre großen Jungs die Fehlwürfe wieder einsammeln würden, war dieses Verständnis seit der Adams-Verletzung verschwunden. Seither nehmen sie pro Spiel fast drei Würfe weniger pro Spiel und treffen diese auch schlechter.
Ohne Adams im Lineup müssen gegnerische Teams sich nicht mehr damit rumquälen, den riesigen Kiwi irgendwie vom eigenen Brett fernzuhalten, und können sich mehr auf die anderen Rockets-Spieler konzentrieren. Alperen Sengün und Amen Thompson genießen seither eine zunehmende Aufmerksamkeit der Defensiven, wodurch ihre Zahlen dramatisch eingebrochen sind. Sengün legte im Dezember noch über 23 Punkte auf, im Februar sind es gerade einmal 18. Selbes Bild mit Thompson, dessen Dezember-Wert (19,2 Punkte) dramatisch eingebrochen ist (12,6 im Februar). Würfe, die Anfang der Saison bei beiden noch ohne Probleme fielen, wirken mittlerweile oft erzwungen und überstürzt.
Es zeigt sich immer mehr, dass die Rockets ein grundlegendes Shooting-Problem haben. Von den fünf Startern strahlen in Sengün, Thompson und Jabari Smith Jr. drei Spieler aktuell wenig bis keine Gefahr von draußen aus. Gegnerische Teams platzierten daher oft ihren Big Man auf Thompson, damit dieser von der Help Side aushelfen konnte, oder ließen den Guard komplett ungedeckt.
Aufgrund der individuellen Klasse der Rockets geht das zwar meistens gut, gegen Ende des Spiels wird es aber regelmäßig problematisch. Wenn es in die wichtigen Sets in der Crunchtime geht, wird das Fehlen des verletzten Fred VanVleet deutlich. Ohne einen erprobten Strippenzieher ist es oft an Kevin Durant, den Ball vorzutragen und seinen Gegenspieler im Eins-gegen-eins zu schlagen, was bei all seiner Klasse wohl die größte Schwäche des zukünftigen Hall of Famers ist.

KD ist einer der besten Clutch-Spieler der NBA-Geschichte und brilliert, wenn er den Ball in der Mitte des Felds bekommt, wo es für gegnerische Teams schwer ist, ihn zu doppeln. In seinen Finals-MVP-Jahren bekam er den Ball oft in entscheidenden Situationen in eben jener Position, in der er direkt abdrücken oder seinen Gegner mit einer schnellen Bewegung aussteigen lassen konnte, um sich einen freien Wurf zu erarbeiten.
Ein Lineup aus mehreren Nicht-Shootern macht ihm aber das Leben schwer und dämmt seine Stärken massiv ein. Wenn er in der Crunchtime den Ball selber vorträgt, wird er meist schon an der Mittellinie gedoppelt oder getrappt und muss das Spielgerät schnell aus der Hand geben. Dabei will Houston ja gerade, dass er den Ball in den entscheidenden Momenten in der Hand hat, dafür wurde er schließlich nach dem bitteren Playoff-Aus in der Vorsaison im Sommer verpflichtet.
Eine Lösung für dieses Problem könnte in der Theorie Sophomore-Guard Reed Sheppard sein, der aufgrund seiner defensiven Anfälligkeit in der Crunchtime aber selten das Vertrauen von Ime Udoka bekommt.
Die Folge ist, dass Houston, wie gegen Golden State in den Playoffs, am Ende der Spiele oft einbricht. Diese Tatsache drückt sich auch in Zahlen aus. Ihr sonst starkes Net-Rating von +5,6 (Platz 6 ligaweit) fällt im vierten Viertel auf -0,4 (Platz 16) und in der Crunchtime auf katastrophale -4,7, womit sie sogar hinter den Wizards auf Platz 21 ligaweit rangieren. Zuletzt gaben sie gegen die Knicks im vierten Viertel eine 18-Punkte-Führung ab und verloren am Ende noch.
"In vielen unserer Spiele, wenn wir mit zehn, zwölf oder 14 Punkten führen, geben wir den Vorsprung einfach wieder her, weil wir nicht mit dieser dominanten Mentalität spielen", beschwerte sich KD anschließend, der in den vergangenen Wochen ebenfalls für viele negative Schlagzeilen sorgte.

Regelmäßig fiel während des Spiels durch seine öffentlich zur Schau gestellte Unzufriedenheit auf: Er warf nach schlechten Inbound-Pässen die Arme in die Luft, rollte die Augen und rief Sengün nach einem gegnerischen Korb zu, dass dieser endlich mal Defense spielen solle. Es ist nicht das erste Mal in seiner Karriere, dass Durant von einer Teamsituation genervt ist und auch keinen Hehl daraus macht. Das ist zunächst kein Drama, da KD bis 2028 fest unter Vertrag steht, sollte die Verantwortlichen aber zumindest in Alarmbereitschaft versetzen.
"Ich habe über die Jahre von Agenten, Spielern und anderen gehört, dass junge Spieler großen Respekt vor ihm haben, wenn er so drauf ist und sich teilweise auch von ihm einschüchtern lassen. So etwas kann sich dann auf die gesamte Teamatmosphäre auswirken", bemerkte auch Insider Zach Lowe.
Zuträglich war dann sicherlich nicht, dass kurze Zeit später auch noch die Gerüchte um Durants angebliche Burner-Accounts die Runde machten, mit denen er auf X über Mitspieler wie Sengün und Smith Jr. hergezogen haben soll. Bestätigt ist natürlich nichts, wirklich klargestellt hat der 37-Jährige aber auch nichts.
So bleiben die Rockets wenigen Wochen vor den Playoffs ein Haufen voller Fragezeichen. Natürlich wollen sie um den Titel mitspielen, in der aktuellen Verfassung und mit dem aktuellen Personal scheint das im starken Westen aber unmöglich. Nach zuletzt drei Siegen in Serie stehen sie mit Blick auf die Postseason zwar gut da (37-21, Platz 3), Hoffnung machen die vergangenen Wochen aber nicht. Es scheint, als bräuchten die jungen Spieler um KD (Sengün und Thompson sind beide erst 23, Sheppard 21) noch ein paar Jahre Zeit, die der Altmeister aber nicht mehr hat.
Udoka sollte also schleunigst zusehen, dass er eine Lösung für die offensiven Probleme seines Teams findet. Sonst könnte erneut ein Aus in der ersten Playoff-Runde drohen, was wohl einen deutlich ungemütlicheren Sommer für die Verantwortlichen zur Folge hätte, als ihnen lieb ist.
Gianluca Fraccalvieri