28.07.2025
Seattle als Spielball
Die NBA spricht von Wachstum, analysiert eifrig und verspricht Bewegung, doch hinter den Kulissen scheint jede echte Veränderung auf Blockaden zu stoßen. Warum es seit 2004 keine Expansion mehr gab, Seattle als Drohkulisse herhalten muss und wie Gier und Machtspiele den Fortschritt ausbremsen.

Dabei klang es zuletzt beim Board of Governors-Treffen eigentlich vielversprechend. Die Liga werde nun "eine detaillierte Analyse" zum Thema Expansion durchführen, so Commissioner Adam Silver. Klingt nach Fortschritt, ist aber in Wahrheit nur ein Feigenblatt. Denn die Besitzer wollen das nicht und was Silver öffentlich sagt, ist das, was sie ihm hinter verschlossenen Türen auftragen.
Eine Erweiterung bringt zunächst vor allem eines: frisches Geld. Neue Franchises müssten Aufnahmegebühren in Milliardenhöhe zahlen. Schätzungen liegen inzwischen bei 6 bis 12 Milliarden Dollar pro Team. Ein warmer Regen für die aktuellen 30 Eigentümer. Aber danach?
Danach wird der Kuchen neu verteilt. Der TV-Deal über 76 Milliarden Dollar müsste künftig auf 32 statt 30 Anteile aufgeteilt werden. Merch-Einnahmen, internationale Erlöse, Markenzugriffe - das alles wird verdünnt. Genau das wollen einige Besitzer verhindern. Sie schwimmen in Geld, ihre Teamwerte explodieren (siehe Lakers, Celtics), sie sehen schlicht keinen Vorteil darin, neue Partner ins System zu lassen.
Der prominenteste Expansion-Gegner: Knicks-Besitzer James Dolan. Aber er ist nicht allein. Viele Eigentümer der großen Märkte und auch einiger kleiner wollen keine neuen Gesichter im Klub. Nicht aus sportlichen, sondern aus rein wirtschaftlichen Motiven.

Besonders perfide ist dabei der Umgang mit Seattle. Die Stadt, deren Sonics 2008 unter dubiosen Umständen nach Oklahoma City verfrachtet wurden, gilt seit Jahren als Favorit auf eine neue Franchise. Eine Arena? Steht. Fanbasis? Riesig. Geschichte? Genügend vorhanden. Doch trotzdem: Seattle bleibt außen vor.
Warum? Weil man es braucht, als Drohung. Städte wie Sacramento, Milwaukee und zuletzt auch New Orleans wurden schon mit dem Szenario "Seattle" unter Druck gesetzt, um neue Arenen oder öffentliche Zuschüsse zu erpressen. Solange Seattle ohne Team dasteht, können Eigentümer anderer Franchises den Politikern ihrer Städte einflüstern: "Wenn ihr uns keine Arena finanziert, ziehen wir nach Seattle."
Stattdessen träumt die NBA von anderen Dingen. Eine "Expansion nach Europa" sei laut Silver denkbar. Gemeint ist ein Joint Venture mit der FIBA, was primär Geld, aber wenig Bezug zu echten NBA-Fans bringt. Während Seattle und Vegas warten, sollen also neue Franchises in Madrid, Paris oder Mailand entstehen.
Silver nennt das eine "andere Form der Expansion". Kritiker sagen: eine Ablenkung vom eigentlichen Problem. Denn klar ist auch: Der US-Markt bietet mehr als genug Raum für zwei weitere Teams, sportlich wie wirtschaftlich.
Sportlich gäbe es kaum Argumente dagegen. Die Liga ist tiefer besetzt als je zuvor. 32 Teams ließen sich problemlos mit konkurrenzfähigen Kadern ausstatten. Der Markt ist riesig, Städte wie Mexico City, Montreal oder San Diego klopfen ebenfalls an. Auch die Fans wären bereit: Die WNBA hat es vorgemacht mit rasant steigenden Franchise-Gebühren und sofortigem Zuschauerinteresse in neuen Märkten.
Ein weiterer Grund: Arbeitsplätze. Mehr Teams bedeuten mehr Spielzeit für junge Talente, mehr Jobs im Coaching, mehr lokale TV-Verträge, mehr Medienpräsenz. Kurz: mehr NBA.

Und es wäre längst überfällig. Die NBA ist seit ihrer Gründung 1946 mehrfach gewachsen, zuletzt aber vor über 20 Jahren. Die bislang letzte Expansion erfolgte 2004 mit den Charlotte Bobcats (seit 2014 Charlotte Hornets). Seitdem herrscht Stillstand.
Die Voraussetzungen für eine Expansion waren nie besser. Doch statt mutiger Visionäre dominieren einige Besitzer das Geschäft. Die NBA wirkt modern, verkauft Innovation, handelt aber wie ein abgeschotteter Gentlemen’s Club. Für Seattle bleibt nur weiter Hoffnung und für alle anderen Märkte die Erkenntnis: Es geht nicht primär um Sport. Es geht ums Teilen. Und das will in dieser Liga offenbar niemand.
Lukas Hetterich