17.12.2024
Nicht einmal KD kann da mithalten
Kaum einer übt mehr Druck auf den Ring aus als Giannis Antetokounmpo. Gleichzeitig hat der derzeit bester Scorer der Liga sein Spiel in dieser Saison angepasst: Giannis drückt häufiger aus der Mitteldistanz ab und profitiert davon gleich doppelt.

Geht es nach Giannis’ Willen - und der bahnt sich erfahrungsgemäß meistens irgendwie seinen Weg - bleibt der Ring das vorrangige Ziel. 65 Prozent seiner Abschlüsse nimmt Antetokounmpo laut Cleaning the Glass direkt am Korb. Da er dort in 74 Prozent der Fälle auch trifft, ergibt das durchaus Sinn. Nur präsentierte die Vergangenheit gerade in den Playoffs immer wieder ein Problem: Gegnerische Defenses verbarrikadierten die Zone, bauten rund um den Ring, frei nach Stan Van Gundy, eine "f***ing Wall".
Möglich war das, da Antetokounmpo über seine Karriere gerade einmal 28,5 Prozent seiner Dreier trifft. "Wäre er doch bloß verlässlicher von draußen“, hieß es daher oft, "dann könnten Verteidiger nicht so stark absinken. Sie müssten den Wurf ernst nehmen, und die Route zum Ring wäre nicht mehr ganz so kompliziert." Weit war allerdings der Weg zum verlässlichen Distanzschützen. So weit, dass Giannis den Dreier in dieser Saison beinahe komplett aus seinem Repertoire gestrichen hat. Nur als absolute Ausnahme - konkret, in 3 Prozent der Fälle - drückt er von draußen ab.
Gleichzeitig hat Antetokounmpo ein Mittel gefunden, den Weg in die Zone zu öffnen. Im NBA-Cup-Viertelfinale gegen die Hawks zog er seinen Defender einmal heraus, täuschte kurz an und kam danach relativ ungestört Richtung Ring. Antetokounmpos Defender musste den Wurf des Griechen respektieren. Nicht den von ganz weit draußen, den aus der Mitteldistanz.
Eine andere Theorie aus der Vergangenheit beschäftigte sich dabei nicht mit Mathematik. Es ging weniger darum, dass Giannis den theoretisch gewinnbringendsten Wurf im Basketball regelmäßig auspackt. Wichtig war, dass er überhaupt verlässlich hochsteigen und treffen kann. Es musste nicht der Dreier sein. Die Mitteldistanz, so die Annahme, könnte das Feld schon genug öffnen, um das Spiel des Finals MVP von 2021 zu erleichtern.
Genau diesen Weg scheint Giannis in dieser Saison zu gehen. Cleaning the Glass sieht 16 Prozent seiner Würfe aus der langen Mid Range Richtung Ring fliegen, womit Antetokounmpo ligaweit im 96. Perzentil liegt. Entscheidend ist, dass 46 Prozent dieser Versuche auch durch den Ring schlüpfen (76. Perzentil). Die Quoten aus der Mitteldistanz insgesamt liegen laut NBA.com/stats bei 46,3 Prozent und damit sogar knapp über denen von Mid-Range-Virtuose Kevin Durant (45,9 Prozent). Tatsächlich drückt Giannis sogar genau so oft aus der Mitteldistanz ab wie KD (4,1 Versuche) und minimal häufiger als Devin Booker, ebenfalls gern gesehener Gast der Mid-Range-Bonanza.
Der neue Ansatz scheint zu wirken. Einer der gefährlichsten Offensivspieler der jüngeren Vergangenheit legt in Jahr zwölf einen neuen Scoring-Karrierebestwert auf (32,7 Punkte). Auch die Quoten aus dem Feld (61,4 Prozent) sind besser als je zuvor, während Antetokounmpo nur vergangene Saison minimal mehr Assists verteilte (6,5 vs. 6,1). Als Stilmittel, um Raum zu schaffen, scheint die Mitteldistanz tatsächlich zu funktionieren.
Gleichzeitig ist sie Ausdruck eines simplen Pragmatismus’. „Ich bin jetzt in einem Alter, in dem ich realisierte, dass ich mein Spiel ein bisschen umstellen muss, um effektiv zu sein und meinem Team zu helfen, Spiele zu gewinnen“, sagte Antetokounmpo angesprochen auf den Mitteldistanzwurf. "Ich weiß, dass ich in der Zone effektiv bin. Dort bekommst du aber einiges ab." Tatsächlich stelle er gerade sein Spiel um, "was mir im Kopf einen echten Dopamin-Rausch gibt, da ich das schon sehr lang tun wollte. Es schützt mich vor den Schlägen."
So fügt sich alles zum Gesamtkunstwerk. Nicht nur Giannis’ Offense profitiert von der neuen Wurfdiät, auch der Körper bleibt häufiger verschont. Ein wichtiger Faktor. Immerhin verpasste Antetokounmpo in den vergangen Jahren gerade in der wichtigen Phase der Saison, vor allem in den Playoffs, entscheidende Spiele.
"Auf lange Sicht wird ihm das definitiv helfen", sagte daher auch Joakim Noah im Old Man and the Three Things Podcast. "Er fühlt sich mit dem Wurf immer wohler. Das wird das Feld für ihn und seine Mitspieler öffnen." Und Noah muss es wissen. Immerhin traf er Giannis als Defensivspezialist zu aktiven Zeiten regelmäßig in Ringnähe. Zusätzlich, so die Bulls-Legende, fiele Antetokounmpo nicht mehr so häufig hart aufs Parket. "Ich glaube, diesen Wurf zu treffen, wird ihm dabei helfen, länger zu spielen."

Für einen Spieler, dessen Offense auf Power fußt, der immer und immer wieder mit viel Kontakt, Speed und Kraft zum Ring geht, muss sich die Abwechslung wie ein Tag in einer finnischen Sauna anfühlen.
Statt zwei Gegenspieler aussteigen zu lassen, um vom dritten einen Ellbogen in die Rippen zu bekommen, ehe er nach dem erfolgreichen Wurf auf dem Boden aufschlägt, kann Giannis nun - deutlich simplifiziert - einfach in einen schnellen Wurf hineinspazieren, danach entspannt in die Defense zurückjoggen.
Entscheidend wird natürlich sein, inwieweit Antetokounmpo die Mitteldistanz auch in den Playoffs als regelmäßiges, verlässliches Stilmittel einbauen kann. Gelingt es, sieht er sich vielleicht seltener Wänden gegenüber - und das (fast) ohne Dreier.
Max Marbeiter